So läuft es auf dem Markt der Agrargifte in der EU: zulassen, verbieten, neues Gift zulassen. Für Umwelt und Verbraucher könnte es mit dem Verbieten ruhig schneller gehen, findet ein Umweltschützer.

Das Insektizid Chlorpyrifos kann das kindliche Gehirn bereits im Mutterleib schädigen. Ab Januar 2020 darf es EU-weit nicht mehr gespritzt werden. Agrargifte verschwinden damit dennoch nicht plötzlich aus den Regalen. Viele von ihnen bedrohen die Artenvielfalt, tragen zum Insektensterben bei und reichern sich an verschiedenen Stellen in unserer Umwelt an. Karl Bär begrüßt, dass Chlorpyrifos die Zulassung verloren hat. Er arbeitet beim vom Umweltinstitut München und kennt die Zulassungsregeln und die ganze Palette der Agrargifte.

Der Kreislauf von Zulassung, Verbot, und Neuanträge auf Zulassung bei Agrargiften, lasse sich gut als Pestizidkarusell beschrieben. Der Ausdruck geht auf den britischen Hummelforscher Dave Goulson zurück. Er beschreibt den folgenden Ablauf aus Sicht einer Umweltschutzorganisation:

  • Wir schätzen den alten Stoff als gefährlich ein, weil wir im Laufe Jahren und Jahrzehnten der Nutzung festgestellt haben, was er für Schäden anrichtet.
  • Beim neuen Stoff beginnt wenige Jahre oder erst Jahrzehnte später die Diskussion darüber, ob er nicht auch schädlich ist.
  • Man sammelt Beweise dafür, dass auch er schädlich ist und verbietet ihn auch irgendwann – Jahrzehnte nachdem man festgestellt hat, dass er schädlich sein könnte.

Unterm Strich bedeutet das: Es wird ein Stoff verboten, es kommt ein Stoff nach und Jahre vergehen. Verboten werden die Stoffe, weil sie zu umweltschädlich sind, oder weil sie das Insektensterben befördern. Karl Bär wünscht sich schnellere Verbote. Neue Stoffe, wie beispielsweise Flupyradifuron, sollten erst gar nicht auf den Markt kommen.

"Ich hoffe doch sehr, dass der Zeitraum zwischen dem Zulassen und Verbieten der Stoffe immer kleiner und kleiner wird."

Karl Bär nennt die Gruppe der Neonicotinoide, die bereits verboten sind. Dazu gehören die Produkte Imidacloprid, Clothianidin, Thiamethoxam oder auch an Thiacloprid, das teilweise in Gärten eingesetzt wurde. Für die konventionell wirtschaftenden Betriebe, die gerne mit Giften arbeiten wollen, kommen nun neue, hochwirksame, synthetische Insektengifte nach, zum Teil mit mit ähnlichen Wirkstoffklassen. Karl Bär nennt Sulfloxafor und Cyantraniliprol.

466 Wirkstoffe in der EU, 263 in Deutschland

Momentan sind laut Karl Bär in Europa 466 Wirkstoffe zugelassen, in Deutschland 263. Er hofft, dass die Zeitspanne zwischen Zulassung und Verbot kürzer wird. Karl Bär erklärt, dass die EU sobald sie ein Mittel verbietet, den Grenzwert mit dem etwas belastet sein darf, auf 0,1 Nanogramm pro Milligramm setzt. Das ist ein Wert, den man gerade noch messen kann.

"Wenn das eingesetzt wurde und man kann das nachweisen, dann darf das Zeug nicht verkauft werden."

Er weist auf die Möglichkeit hin, Importausnahmen zu beantragen. Das Gift Glufosinat sei beispielsweise seit ein paar Jahren in Europa nicht mehr zugelassen, weil die Herstellerfirma keine neue Zulassung beantragt hat. Allerdings würden große Mengen von Futtermitteln importiert werden, die mit Glufosinat hergestellt wurden.

Bei Futtermitteln gelten dann wiederum höhere Grenzwerte, wenn man die Stoffe importiert, als wenn sie in Europa produziert werden. Karl Bär sagt, das sei unfair gegenüber den Landwirten in Europa. Für die die Verbraucherinnen und Verbraucher sei das auch eine ungünstige Praxis, die EU handhabe das trotzdem so.

Wer vermeiden möchte, pestizidbelastetes Obst, Getreide und Gemüse zu essen, sollte zu Bioprodukten greifen, sagt Karl Bär. Diese Produkte werden in der Regel auf überprüfte Art und Weise ohne diese Gifte hergestellt.

"Die ganze Hintergrundbelastung für die Natur wird weniger, je mehr Leute Bio kaufen."