Für Menschen, die im Gesundheitswesen im direkten Kontakt mit Patient*innen arbeiten, soll ab 2022 eine Impfpflicht gelten. Darunter fallen neben Pfleger*innen also auch unter anderem Hebammen, Rettungskräfte oder Personal in Dialyse- oder Zahnarztpraxen. Pflegerin Nina Böhmer meint: Das ist der falsche Ansatz.

Nina Böhmer ist seit zehn Jahren Gesundheits- und Krankheitspflegerin und arbeitet als Krankenschwester in verschiedenen Berliner Krankenhäusern. Sie kritisiert die Impfpflicht vor allem deshalb, weil die Gruppe, um die es sich handelt, laut RKI-Monitoring bereits zu 90 Prozent geimpft ist (Stand: 22.11.2021). Sie findet: Die Treiber der Pandemie sind andere Menschen.

"Wir müssen genau hinschauen, wer die 10 Prozent sind, die sich nicht impfen lassen möchten. Die wenigsten davon werden Coronaleugner*innen sein. Viele haben Angst vor einer Impfung oder können sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen."
Nina Böhmer, Gesundheits- und Krankenpflegerin in Berlin

Über Instagram wenden sich viele Pflegekräfte an Nina Böhmer. Sie haben unterschiedliche Gründe, warum sie sich gegen die Impfpflicht aussprechen.

Krankenschwester Nina Böhmer
© Alexandra S. Aderhold
Unsere Gesprächspartnerin Nina Böhmer

Einige von ihnen haben Angst vor Nebenwirkungen, andere können sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen oder haben zumindest ein erhöhtes Risiko. In solchen Fällen gibt es keine klare Empfehlung für oder gegen eine Impfung: Die Betroffenen fühlen sich mit der Entscheidung oft alleine gelassen.

Bedarf an Pflegekräften könnte weiter steigen

Nina Böhmer findet, dass die Politik bei der falschen Gruppe ansetzt. Das Pflegepersonal habe zwar engen Kontakt zu Risikopatient*innen, trage aber während der Arbeit durchgehend Schutzkleidung und desinfiziere sich regelmäßig.

Das bedeutet für sie, dass sie als einzige Gruppe zu einer Impfung verpflichtet werden, obwohl der Anteil der Impfungen bereits sehr hoch ist. Sie glaubt, eine Impfpflicht könnte den Mangel an Pflegekräften weiter verschärfen. Es ist gut möglich, dass neben ungeimpften auch geimpfte Pflegekräfte den Beruf aufgrund der vielen Nachteile nicht mehr ausüben wollen.
"Wir sollen ausbaden, was die Politik in der Pandemiebekämpfung verschlafen hat."
Nina Böhmer, Gesundheits- und Krankenpflegerin in Berlin

Nina Böhmer ist grundsätzlich gerne Krankenschwester und will auch ihren Beruf in Zukunft weiter ausüben. Deshalb ist sie gespannt, ob die Ampel die Versprechungen in Bezug auf verbesserte Arbeitsbedingungen auch tatsächlich einlösen wird. Eine Impfpflicht spräche aus ihrer Sicht eher dagegen.

Ihr größter Wunsch: Endlich mehr Personal einzustellen, um wieder patientengerecht arbeiten zu können.