• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Mädchen die Pferde lieben, sind ein bekanntes Klischee. Doch die Jugendsubkultur der Pferdemädchen hat subversives Potenzial, sagt Anja Schwanhäußer. In ihrem Vortrag taucht die Kulturanthropologin in die Welt der Ponyhöfe ein.

Das weibliche Stereotyp des pferdeverrückten Teenagers wurde lange abgewertet – zu Unrecht, sagt Anja Schwanhäußer, Kulturanthropologin an der Universität Göttingen. In ihrem Vortrag beschreibt sie die subversiven Elemente dieser Jugendkultur. So würden sich Feministinnen mittlerweile positiv auf den Pferdekult beziehen, um der Abwertung von "Mädchenkram" entgegenzuwirken.

Teil einer Protestkultur

Pferdemädchen und Einhörner würden zudem typische zeitgenössische Werte der linken Protestkultur verkörpern wie Awareness, Umweltbewusstsein und Care-Arbeit, sagt die Kulturanthropologin. Hier zeige sich eine Politisierung des Mädchenhaften und eine Feminisierung des Politischen.

"Pferdemädchen verkörpern in durchaus streitbarer Weise Imaginationen einer anderen zärtlicheren, sinnlicheren Welt."
Anja Schwanhäußer, Kulturanthropologin

Methodisch hat sich Anja Schwanhäußer den Pferdemädchen mittels Feldforschung genähert, also: Alltagsbegleitung. Dafür beobachtete die Kulturanthropologin drei Mädchen und ihre Pferde auf einem Hof in Brandenburg. In ihrem Vortrag erzählt sie immer wieder aus dem Alltag der Mädchen und zieht daraus Schlüsse.

"Das Lustvolle des Reitens speise sich nicht unbedingt aus einer Vaterprojektion, sondern im Gegenteil aus fluiden queeren Begegnungen, die nicht eindeutig patriarchal codiert sind."
Anja Schwanhäußer, Kulturanthropologin

Während ihrer Feldforschung hat sie zum Beispiel herausgefunden, dass die Jugendkultur der Pferdemädchen über Sound funktioniert. Die Mädchen hätten eine ganz bestimmte Melodie, mit der sie mit den Pferden reden und ihre Zugehörigkeit zur Pferdemädchenkultur ausdrücken.

Von Pferdemädchen und Motorradgangs

Analog zur Beziehung der Mädchen zu ihren Pferden wird in der Jugendsubkulturforschung die Beziehung von Jungs in Motorradgangs zu ihren Maschinen beschrieben. "Deren Ideale von Männlichkeit und Körperbeherrschung spiegeln sich im Motorrad und der Art und Weise, es zu behandeln und mit ihm zu fahren", so die Kulturanthropologin.

Auf dem Reiterhof kämpfen die Mädchen um Anerkennung. Dabei hätten innerhalb der Jugendsubkultur die Auszubildenden am Hof mehr Prestige als die Gymnasiastinnen, so die Kulturanthropologin.

Generell hätten sich proletarische Jugendliche in der Geschichte der Subkulturen oft eloquenter stilisiert, da ihnen klassische, auf Bildung basierende Ausdrucksmittel weniger zur Verfügung stünden. Diese Jugendlichen entwickelten daher eine besondere Kompetenz, sich durch ihr Verhalten und die Aneignung von Konsumprodukten – also durch Stil – auszudrücken, erklärt Anja Schwanhäußer.

Der Vortrag: "Phänomen Pferdemädchen - Zwischen Klischees und Jugendkultur" heißt der Vortrag von Anja Schwanhäußer. Sie hat ihn exklusiv für den Hörsaal gehalten.