Bei Anwendungsbeobachtungen verschreiben Ärzte ihren Patientinnen im Auftrag einer Pharmafirma bestimmte Medikamente und beobachten deren Wirkung – Eine Studienart, die sehr umstritten ist.

Bei Anwendungsbeobachtungen bekommen Ärztinnen von Pharmafirmen Geld dafür, dass sie ihren Patienten bestimmte Mittel verschreiben und für die Pharmafirmen dokumentieren, wie gut das Medikament vertragen wird. Eine Studie zu Anwendungsbeobachtungen in Deutschland, die im Fachmagazin PLOS One veröffentlicht wurde, zeigt jetzt erstmals, dass Ärzte das getestete Mittel, danach sechs bis acht Prozent häufiger verordnen.

Für die Forschenden ist das ein beunruhigendes Ergebnis, denn die Medikamente aus den Anwendungsbeobachtungen sind nicht notwendigerweise für die Patienten auch immer am besten geeignet.

"Statistisch hochsignifikanter Befund"

Dafür haben Forschende der Unikliniken Freiburg und Mainz eine Untersuchung mit rund 7000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland durchgeführt. Diese waren in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe machte Anwendungsbeobachtungen, die andere Gruppe nicht.

Am Ende zeigte sich: Die Ärzte, die Anwendungsbeobachtungen durchgeführt hatten, verordneten auch danach das Medikament noch sechs bis acht Prozent häufiger als die andere Gruppe. Einer der Forscher sagt dazu, dass dies ein "sehr harter und statistisch hochsignifikanter Befund" ist. Denn mit dieser Studie wurde zum ersten Mal gezeigt, dass Anwendungsbeobachtungen tatsächlich Einfluss darauf haben, welche Mittel Ärzte ihren Patientinnen verordnen.

Schlechter Ruf unter Forschenden

Ärzte, die für derartige Anwendungsbeobachtungen von Pharmafirmen bezahlt werden, befinden sich noch in einem legalen Rahmen. Anders wäre es, wenn sie das Medikament eines bestimmten Herstellers gegen Bezahlung verschreiben würden, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Wiebke Lehnhoff. Hierauf stehen in Deutschland harte Strafen.

"In Deutschland können Ärztinnen und Ärzte hart bestraft werden, wenn sie gegen Bezahlung das Medikament eines bestimmten Herstellers verschreiben und somit also korrupt sind."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Doch trotz des legalen Rahmens haben Anwendungsbeobachtungen unter allen medizinischen Studien den schlechtesten Ruf. Nach Meinung vieler Fachleute sind die Beobachtungsergebnisse in wissenschaftlicher Hinsicht wertlos.

"Legale Korruption"

Anwendungsbeobachtungen funktionieren anders als medizinisch-wissenschaftliche Studien. Dort teilen Forschende ihre Probanden in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe nimmt das Medikament und die Kontrollgruppe nimmt es nicht. Idealerweise ist weder Ärzten noch Patientinnen während des Versuchs klar, wer zu welcher Gruppe gehört. Am Ende werden die Ergebnisse beider Gruppen aufgedeckt, verglichen und analysiert, ob das Medikament zur Behandlung einer bestimmten Krankheit etwas bringt oder nicht.

Im Gegensatz dazu werden bei Anwendungsbeobachtungen keine Kontrollgruppen zum Vergleich hergezogen. Hinzu kommt, dass die Zahl der Teilnehmenden oft so klein ist, dass mögliche Nebenwirkungen dabei gar nicht auffallen. Auch bleiben die Ergebnisse der Studie oft im Pharmaunternehmen und werden nur selten veröffentlicht.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnete im Zusammenhang mit der veröffentlichten Studie die Anwendungsbeobachtungen als "eine legale Art der Korruption".

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Die Forschenden fordern deshalb im Fazit der Studie, dass die Anwendungsbeobachtungen abgeschafft werden sollten.