Ist es moralisch okay, sich vor dem Fremden zu fürchten? Im Kontext der Flüchtlingsdebatte eine schwierige Frage. Wir haben sie der Philosophin Rita Molzberger gestellt.

So etwas wie eine "allgemeine Vernunft" gibt es nicht, sagt Rita Molzberger. Moral - das sind im Prinzip bewegliche Regeln einer bestimmten Gemeinschaft. Insofern lässt sich die Moralfrage nicht eindeutig beantworten. Aber wer sich als Europäer verstehe, sagt die Philosophin, der pflege auch Werte wie Offenheit, Gemeinschaft, Autonomie und Solidarität. Und Moral, sagt sie, sei etwas, das gelebt werden müsse. Im Positiven zeigt sich dies an der spontanen Hilfe, die viele freiwillige Helfer in Deutschland geleistet haben.

Die Haltung zum Fremden entwickle ich

Man kann nicht sagen, dass die Angst vor dem Fremden uns angeboren oder anerzogen ist, sagt die Philosophin der Uni Köln. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist der Umgang mit der Furcht vor dem Unbekannten. Zu 100-Prozent souverän, erklärt sie, sind wir nicht darin, was wir als fremd wahrnehmen und was nicht. Denn: wir suchen uns nicht aus, wo wir geboren werden und wann. Entscheidend ist: "Welche Haltung ich zur Angst vor dem Fremden entwickle und wie ich damit umgehe", sagt Rita Molzberger.

"Alles, was von außen kommt, ist erst einmal nicht Ich. Und insofern fremd."
Rita Molzberger, Philosophin

Im Umgang mit dem Fremden können wir unterschiedlichen Herangehensweise erkennen, fasst Rita Molzberger zusammen: Dort sind die, die alles direkt ablehnen. Dann jene, die mit den Erfahrungen des Fremden bestehende Schubladen füllen. Und die, die das Bewusstsein um ihre Angst ernst nehmen und sich auf ein Kennenlernen einlassen. Bildlich gesprochen: jene, die immer neue Schubladen aufmachen – und sie nicht wieder schließen.

Rita Molzberger sagt, es sei legitim beim Thema Flüchtlinge über Obergrenzen und Lösungen zu streiten. Gleich welche gesellschaftlichen Situationen sich in Zukunft auftun, gelte jedoch: um Antworten auf unsere Fragen zu finden, muss ein Dialog unbedingt stattfinden.

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