In einer polnischen Kleinstadt gibt es den einzigen offen schwul lebenden Bürgermeister des Landes. Robert Biedron. Im Rest Polens werden Schwule oft ausgegrenzt und diskriminiert. Beim CSD in Danzig kam es Ende Mai zu Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen.

Vor anderthalb Jahren ist Robert Biedron zum Bürgermeister in Slupsk gewählt worden. Eine 90.000-Einwohner-Kleinstadt, nicht weit von der polnischen Ostseeküste. Viele Medien im Westen waren hin und weg: Ein offen Schwuler wird ausgerechnet in einer Kleinstadt, in einem erzkonservativen, katholischen Land wie Polen, in dieses Amt gewählt. Der Mann steht auch für eine neue Art von Polit-Business. Er ist 40, sieht gut aus und auch sein Style geht durch. Da fragt man sich, wie so ein Mann, der vor eineinhalb Jahren gewählt wurde, jetzt in einem Land lebt, das extrem weit nach rechts gerückt ist.

Gesicht der Lesben- und Schwulenbewegung in Polen

Facebook-Foto von Robert, das später zu einem Meme wurde...

Die rechtskonservative PiS-Partei hat bei den letzten Parlamentswahlen die absolute Mehrheit bekommen. Die Störung des CSD im Mai in Danzig durch Rechte macht deutlich, dass sich die Rechtsextremen nun bestärkt zu fühlen scheinen. Dennoch geht es Schwulen und Lesben im Gegensatz zur Situation vor einigen Jahren um einiges besser sagt Robert Biedron. Denn damals haben Politiker noch Gay Prides gestoppt.

Die Regierungspartei meidet das Thema Schwule und Lesben

Angst vor einer neuen homophoben Welle hat Robert Biedron nicht. Er fürchtet sich vor Extremismus und wenn er hört, dass Scheiben von NGO eingeschlagen werden, die sich für Schwule und Lesben einsetzen. Biedron ist sich aber auch sicher, dass ein Großteil der Bevölkerung solche Aktionen nicht akzeptiert. Und die vor Jahren durch die rechtskonservative PiS-Partei verbreitete Stimmung gegen Schwule und Lesben findet ohnehin nicht mehr statt. Stattdessen meidet die Partei das Thema "Schwule und Lesben" inzwischen komplett. Das neue Thema der PiS-Partei sind die Flüchtlinge. Denn nach Biedrons Aussage ist es leichter, mit dem Thema "Flüchtlinge" Ängste zu schüren. An Schwule und Lesben hat sich die polnische Gesellschaft inzwischen gewöhnt.

"Wir sind nicht mehr der Sündenbock, das sind heute die Flüchtlinge. Es ist leichter mit Flüchtlingen Ängste zu schüren, weil wir auch mehr Vorurteile ihnen gegenüber haben. An Schwule haben sich die Polen schon gewöhnt."
Robert Biedron

Die Gesellschaft ist weiter als die Politiker

Die Gesellschaft hat sich also verändert, aber leider nicht die politischen Eliten. Deshalb gibt es nach wie vor keine Eingetragenen Lebenspartnerschaften, Homo-Ehen schon gar nicht und keine Gesetze, die Schwule und Transsexuelle vor Hate Speech schützen oder Antidiskriminierungsgesetze. Robert Biedron pflegt einen offenen Umgang mit seiner sexuellen Orientierung und bekommt deswegen natürlich auch Hassmails und -kommentare.

"Schauen Sie sich die Kommentare unter meinen Artikeln an, da tummeln sich die Homophoben. Natürlich gibt es Gruppen, die voller Hass sind. Sie schreiben, dass sie mich umbringen werden, dass ich nicht leben sollte, dass ich 'ne Schwuchtel bin, dass für mich kein Platz in dem Land ist."
Robert Biedron

Inhaltlich reichen diese Äußerungen von Beschimpfungen bis zu Morddrohungen. Aber Biedron ist auch einer der beliebtesten Politiker Polens. Das wurde kürzlich in einer Umfrage deutlich:

"Letztens gab es eine Umfrage: 'Mit wem würdest du am liebsten ein Bier trinken gehen?' Da gaben Frauen an, am liebsten mit Robert Biedron"
Robert Biedron
... das Meme, das aus einem Posting von Robert entstand.

Hipster trauen der Linken nicht

Schon verrückt: Einerseits ist dieser linksliberale Typ so beliebt, andererseits gibt es zurzeit keine einzige links-progressive Kraft im polnischen Parlament. Biedron sagt, es gibt keine glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten.

"Wenn sie Leute auf der Straße nach den Linken gefragt haben, dann hieß es: Die sind unglaubwürdig, das sind Postkommunisten, Überreste des alten kommunistischen Systems. Gerade Hipster identifizieren sich nicht mit ihnen. Sie sagen: "Ich glaube nicht, dass diese Linke für Schwule und Lesben eintritt, für ein modernes und offenes Polen."
Robert Biedron

Die Situation für Schwule und Lesben ist also nicht einfach in Polen. Auch wenn sich in den vergangenen Jahren vieles verbessert hat. Robert Biedron, der schwule Bürgermeister der Kleinstadt, bleibt optimistisch, dass das Land irgendwann auch modernere Politiker bekommt. Politiker, die für die aufgeschlossenen und weltoffenen Polen wählbar werden.