Ja, die Zahlen steigen und sie werden auch weiterhin steigen, sagen drei Experten des Science Media Centers. Auch wenn es in Deutschland noch keinen Grund zur Panik gebe, mahnen sie, sich weiterhin an Abstand, Hygiene und Alltagsmaske zu halten.

Im Pressbriefing des Science Media Centers haben sich Clemens Wendtner, Chefarzt für Infektiologie, Reinhard Busse, Professor an der TU Berlin im Bereich Gesundheitswesen und Uwe Janssens, Chefarzt für Intensivmedizin und Präsident der Vereinigung für Intensivmedizin, zur aktuellen Lage und den kommenden Monaten geäußert.

Dass mehr Menschen wieder auf die Intensivstationen kommen, zeichne sich bereits jetzt ab. Denn immer, wenn die Infektionszahlen steigen, dauere es eine Weile, bis ein gewisser Teil der Infizierten in die Krankenhäuser komme und ein gewisser Teil davon dann auch sterbe, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Ann-Kathrin Horn.

"Es werden wieder mehr Menschen auf die Intensivstation kommen wegen Covid-19. Das zeichnet sich jetzt auch schon ab."
Ann-Kathrin Horn, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Einen Grund zur Panik gebe es in Deutschland nicht. Das Gesundheitssystem habe aus der Situation im Frühjahr gelernt und sei nun besser vorbereitet. Allerdings sehen die Experten vor allem das mangelnde Pflegepersonal als eine Schwachstelle für den kommenden Corona-Winter. Dass die Zahlen weiterhin nicht mehr so stark ansteigen, dafür sehen die Wissenschaftler jeden Einzelnen von uns in der Verantwortung.

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Deutschland hat aus dem Frühjahr gelernt

In ihrem Statement betonen die Experten einige positive Punkte, die sich im Vergleich zum Frühjahr geändert hätten:

  • Es gibt in Deutschland deutlich mehr Intensivstationen als in anderen Ländern
  • Das Personal in den Krankenhäusern weiß mittlerweile besser, was in welchem Fall zu tun ist
  • Es gibt mehr Personal, dass speziell geschult wurde, um auf den Intensivstationen zu arbeiten
  • Es gibt mittlerweile genug Schutzausrüstung
  • Die Ärzte wissen mehr darüber, wie man Covid-19 besser behandelt
  • Covid-19-Infizierte werden mittlerweile in speziell abgetrennten Bereichen behandelt, sodass andere Patienten keine Angst haben müssen, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren

Mangelndes Personal als Schwachstelle

Als größte Schwachstelle für den kommenden Winter sehen die Experten das mangelnde Pflegepersonal an. Denn auch wenn Deutschland weitere 12.000 Intensivbetten zur Verfügung stellen kann, könnten diese nicht betreut werden, da es zu wenig Personal dafür gebe. Uwe Janssens fordert hier eine transparentere Diskussion und eine entschlossenere Problemlösung.

"Wir haben sogar Reserve, 12.000 Betten, aber wer soll die Patienten dort betreuen? Auf diese dringende Frage gibt es keine Antwort."
Uwe Janssens, Chefarzt für Intensivmedizin und Präsident der Vereinigung für Intensivmedizin

Das Problem ist nicht neu: Seit Jahren fehlt in Deutschland Personal, das jetzt nicht auf die Schnelle aufgestockt werden kann. Allerdings plant Gesundheitsminister Jens Spahn dem entgegenzuwirken, in dem er einen anderen Schwerpunkt bei den Corona-Tests setzen möchte. Im Fokus sollen nun nicht mehr die Reiserückkehrer, sondern das Pflegepersonal stehen. Schnelltests sollen demnach vor allem für das Personal in den Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflege- und Altenheimen genommen werden. Eine Entscheidung, die die drei Wissenschaftler loben.

Covid-19 ernst nehmen

Wie sich die Zahlen in den kommenden Monaten entwickeln werden, das zeigt ein Blick auf die Nachbarländer Belgien, Frankreich, Niederlande und Spanien. Diese Länder sind uns etwa fünf Wochen voraus mit den Infektionszahlen. Frankreich meldete heute beispielsweise über 29.800 Fälle. Die Fachleute sagen allerdings, dass wir diese Zahlen in Deutschland bewältigen könnten.

"Man kann ganz gut sehen, was auf Deutschland zukommt. Dafür kann man einfach auf andere Länder schauen: Belgien, Frankreich, die Niederlande und Spanien sind uns ungefähr fünf Wochen voraus mit den Infektionszahlen."
Ann-Kathrin Horn, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Gleichzeitig sagen sie, dass es nicht darum gehe, ob die Intensivstationen voll seien oder nicht, sondern, dass auch die Langzeitfolgen von Covid-19 nicht unterschätzt werden dürften. Laut aktuellen Studien hat fast jeder dritte und jede dritte Infizierte mit Langzeitfolgen wie Müdigkeit oder Atemwegsproblemen zu kämpfen. Auch Suizide unter ehemals Covid-19-Infzierten seien häufiger. Deshalb seien für alle Altersgruppen die AHA-Regeln immer noch sehr wichtig: Mindestens 1,5 Meter Abstand halten, Hygienemaßnahmen einhalten und Alltagsmaske tragen.