In den vergangenen Monaten wurden weniger Privatinsolvenzen beantragt. Das scheint überraschend in der wirtschaftlich schwierigen Corona-Zeit. Grund dafür ist ein neues Gesetz, das die Insolvenzverfahren von sechs auf drei Jahre verkürzen soll. Viele Schuldnerinnen und Schuldner halten ihre Anträge auf Privatinsolvenz deswegen zurzeit noch zurück. Ein Anstieg gegen Ende des Jahres ist aber abzusehen.

Wer in Deutschland Privatinsolvenz anmeldet ist in der Regel nach sechs Jahren schuldenfrei. In dieser Zeit müssen sich die Schuldnerinnen und Schuldner stark einschränken und beispielsweise den pfändbaren Teil ihres Einkommens abgeben. Etwa 1200 Euro dürfen kinderlose Betroffene behalten.

Warten auf die Privatinsolvenz-Verkürzung

Deutschland war bisher eins der EU-Länder mit der längsten Laufzeit für Privatinsolvenz. Die Bundesregierung setzt jetzt allerdings eine EU-Richtlinie um, die das Verfahren verkürzt. Antragstellerinnen und Antragssteller wären dann nach drei Jahren schuldenfrei. Die Verkürzung sollte ursprünglich ab dem 1. Oktober 2020 gelten, verschiebt sich aber wahrscheinlich.

Für Schuldnerinnen und Schuldner ist die Verkürzung ein Vorteil. Daher halten gerade viele Menschen ihre Anträge zurück, bis die Regelung gilt, sagt Maike Cohrs, Schuldner- und Insolvenzberaterin beim Diakonischen Werk Köln und Region.

"Für viele Menschen, die lange in einer Verschuldungssituation gelebt haben, wird das jetzt ein Anreiz sein, in die Privatinsolvenz zu gehen."
Maike Cohrs, Schuldner- und Insolvenzberaterin

Die Anträge für Privatinsolvenz sind auch deswegen zurückgegangen, weil die Beratungsstellen erst im Juni oder Juli wieder persönliche Beratung anbieten konnten, so Cohrs. Vorher konnten Anträge nur am Telefon zusammen ausgefüllt werden. Vieles sei in der Zeit liegen geblieben.

Die Schuldnerberaterin rechnet mit einem Anstieg der Privatinsolvenzen gegen Ende September oder Anfang Oktober – sobald klar ist, ab wann die neue Regelung gilt. Hier wird sich dann wahrscheinlich auch die Corona-Krise abzeichnen. Viele Fachleute erwarten eine Welle von Firmenpleiten, daher dürften auch Privatinsolvenzen ansteigen. "Ende 2021 werden wir einen Peak sehen", sagt der Chefökonom der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch.