Offenbar neigt unser Gehirn dazu, bei Problemlösungen eher etwas hinzuzufügen, statt etwas wegzunehmen. In der Struktur, die Forschende in einem Experiment mit Legosteinen zeigen konnten, sieht Neurowissenschaftler Henning Beck den Grund dafür, warum in unserem Leben immer alles komplizierter wird.

In einem Experiment haben Forschende der University of Virginia festgestellt, dass wir wohl eine bestimmte Strategie haben, um Probleme zu lösen. Offenbar sind wir darauf fokussiert, zu schauen, was wir ergänzen können, um zu einer Lösung zu kommen. Eher wenige schauen auch nach der Alternative: Etwas wegzunehmen.

Konkret haben den Forschenden für eine Studie 1.600 Testpersonen vor Lego gesetzt. Aus den Steinen war eine Brücke nachgebaut mit zwei Pfeilern. Diese waren aber unterschiedlich lang. Die meisten der Probandinnen und Probanden entschieden sich, Steine hinzuzufügen, um die gleiche Länge zu bekommen.

Etwas hinzuzufügen sieht einfach besser aus

Für Neurowissenschaftler Henning Beck ist die Sache klar. Er glaubt, dass dieses Ergebnis aus zwei Gründen so eindeutig ausfiel. Zum einen seien die Testpersonen unter Druck gewesen und unter Druck würden uns offensichtliche Lösungen eher ins Auge springen. Zum anderen hätten wir in unserem Leben gelernt, dass es eher gut aussieht, wenn wir etwas produktiv hinzufügen.

"Das ist so eine Art Denkfalle: Wir gehen davon aus, dass es immer mehr her macht, etwas hinzuzufügen, als etwas wegzunehmen."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Problemlösung: Unser Gehirn entwirft verschiedene Szenarien

Grundsätzlich gibt es im Gehirn nicht diese eine Region, das für das Problemlösen zuständig ist, sagt Henning Beck. Vielmehr geht das Gehirn so vor: "Es wird abgewägt, was ist unsere Erwartungshaltung, was ist unser Ziel? Das Gehirn entwirft dann unterbewusst viele verschiedene Szenarien, wie man dieses Problem lösen könnte."

"Manche Wege sind gut, manche aufwendig, manche stimmen, manche sind schrott. Das Gehirn geht so vor, dass die allermeisten Ideen rausgefiltert und ausgelöscht werden und eine bleibt dann übrig."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Unser Gehirn entwirft mehrere Szenarien. Zumeist bekommen wir das bewusst gar nicht mit. Das naheliegendste Szenario wird uns dann als Idee, beziehungsweise als Lösung vorgeschlagen.

Um im konkreten Beispiel mit den Legosteinen darauf zu kommen, dass es auch sinnvoll sein könnte, etwas wegzunehmen, hätte man die Testpersonen darauf aufmerksam machen müssen, glaubt der Neurowissenschaftler – man hätte also bei der Aufgabenstellung sagen müssen: Sie können etwas hinzufügen oder etwas wegnehmen.

Warum unser Leben immer komplizierter wird

In dem Ergebnis der Studie kann Henning Beck aber auch eine grundlegende Struktur unseres Menschseins herauslesen: dass mit der Zeit immer alles komplizierter wird. Als Beispiel nennt er Bürokratie oder immer voller werdende Terminkalender. Das sei kein Wunder, wenn wir immer noch zusätzliche Aspekte einem Problem hinzufügten, statt zu reduzieren. "Menschen lieben das, immer noch etwas hinzuzumachen", sagt er.

"Dann hat man eh schon hunderttausende Probleme, und dann macht man – um ein Problem zu lösen – lieber noch eins hinzu, anstatt zu sagen: weniger ist mehr."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Offenbar sei das Prinzip "weniger ist mehr" bei Problemlösungsfragen oft nicht so offensichtlich, glaubt Henning Beck. "Wobei das in vielerlei Hinsicht in unserem Leben, wo immer alles komplexer wird, eine viel bessere Idee wäre."

Der Neurowissenschaftler glaubt, dass eine kleine Bremse in der Handlungsentscheidung – ein kurzes Innehalten – oft schon dazu führen könnte, dass wir den einfacheren Weg sehen, nämlich, zu reduzieren, statt Probleme noch zusätzlich aufzublähen.