Es gibt Menschen, die sind gesichtsblind – das heißt, sie erkennen Freunde oder Familie nicht wieder. Weltweit sind etwa zwei Prozent von Prosopagnosie betroffen. Deutschlandfunk Nova-Reporterin Ann-Kristin Pott hat mit zwei Betroffenen gesprochen.

Was, wenn wir den Arbeitskollegen Tag für Tag nicht wiedererkennen würden – oder sogar den eigenen Partner? Für Menschen mit Prosopagnosie es das normal, Tag für Tag die Arbeitskolleginnen oder sogar den Partner nicht wieder zuerkennen. Zwar können diese Menschen Gesichter sehen, aber sie erkennen sie nicht – oder sie können sich nicht daran erinnern.

Für Nicht-Betroffene ist das schwer vorstellbar. Der Journalist Stefan Mesch ist selbst gesichtsblind und sagt, dass nach seiner Erfahrung andere Menschen ihn am besten verstehen, wenn er sagt, dass er keine Ordensschwestern in Tracht erkennen könne. Denn hier fehlten gewissermaßen die Frisur und die individuelle Art der Kleidung.

"Leute verstehen es am besten, wenn ich sage: Ich kann Nonnen nicht erkennen. Weil man Frisuren und wie sich Leute anziehen, erkennen kann."
Stefan Mesch ist gesichtsblind und erklärt seine Wahrnehmung

Fast wie das Sprichwort: Aus den Augen – aus dem Sinn

Auch Steffi Wiegel ist gesichtsblind. Sie sagt, dass sie im Augenblick des Anblicks das Gesicht erkenne. Sobald sich die Person allerdings umdrehe, habe sie keine Erinnerung mehr daran. Auch könne sie sich ihren Mann oder ihre Söhne mit geschlossenen Augen nicht vorstellen.

"Wenn sich die Person aber umdreht, kann ich mich nicht mehr daran erinnern."
Steffi Wiegel über ihre Gesichtsblindheit

Die Ursachen für Prosopagnosie sind bisher ungeklärt

Nach Schätzungen des Uniklinikums Münster haben weltweit etwa zwei Prozent der Bevölkerung Prosopagnosie. Das kann mit Autismus zusammenhängen, muss es aber nicht. Die meisten Betroffenen werden mit Gesichtsblindheit geboren, wissen aber nicht, was sie haben. So war es auch bei Steffi. Immer wieder war sie damit konfrontiert, Menschen einfach nicht wieder erkennen zu können. Das war ihr unangenehm und der Umgang im Alltag war für sie schwierig.

Von Prosopagnosie hat Steffi erst vor etwa fünf Jahren durch einen Fernsehbericht gehört. Da war sie Anfang 40 und wusste sofort, dass sie betroffen ist. – und sie war danach sehr erleichtert.

"Dann habe ich zwei Tage geweint, weil ich erleichtert war, weil das, was sich so komisch angefühlt hat, einen Namen hat und dass ich nichts dazu kann."
Steffi Wiegel über ihre Erleichterung, als sie von Prosopagnosie als Krankheit hörte

Auch Stefan kennt diese Erleichterung. Denn vor der Diagnose hat auch er die Schuld teilweise bei sich selbst gesucht. Stefan hat im Internet den "Cambridge Face Memory Test" gemacht und sich so auf Prosopagnosie testen lassen. Dabei muss man sich in wenigen Sekunden Gesichter merken und später wiedererkennen.

Erforscht wird Prosopagnosie auch an der Ruhr-Universität Bochum, dort läuft gerade eine Familienstudie. Und auch Steffi hat sich testen lassen. Das Ergebnis: Sie ist sehr stark betroffen. Steffi kann weder ihre Söhne erkennen, noch ihren Mann oder sich selbst auf Fotos erkennen.

"Man fühlt sich egozentrisch und man denkt auch, vielleicht musst du dich mehr konzentrieren oder sind mir Leute egal, dass ich sie nicht erkenne?"
Stefan Mesch ist gesichtsblind

Boris Suchan leitet die klinische Neuropsychologie der Bochumer Uni und untersucht Prosopagnosie. Er sagt, dass die Diagnose Prosopagnosie auch gegen Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprobleme abgegrenzt werden müsse. Es sei eine Sache, in der Fußgängerzone aufgrund der verschiedenen Ablenkungen eine Person "zu übersehen" und eine andere, wenn ein Mensch den eigenen Vater nicht erkenne, wenn er vor der Haustüre stehe.

Betroffene wenden Strategien an, um nicht aufzufallen

Gesichtsblinde Menschen trainieren früh Strategien, um Menschen in ihrer Umgebung wiederzuerkennen. Die einen merken sich markante Gesichtsmerkmale – zum Beispiel eine besondere Mundform. Andere konzentrieren sich auf die Stimme oder Bewegungen. Das alles könne ziemlich anstrengend sein, sagt Steffi. Denn auch sie sei die ganze Zeit in einem Denkprozess und mit der Frage beschäftigt, wen sie treffen können und welche Merkmale die Person habe.

"Du bist die ganze Zeit in einem Denkprozess, also ich zumindest, um zu überlegen, wen könnte ich treffen und welche Merkmale hat der?"
Steffi Wiegel über den Alltag mit Prosopagnosie

Um dieses Problem zu umgehen, grüßt Steffi mittlerweile jeden in ihrem Wohnort. Ihre Familie, Freunde und Bekannte wissen, dass sie Prosopagnosie hat. Sich anderen zu öffnen war für sie anfangs schwer, hat ihr aber geholfen. Auch Stefan geht offen mit der Gesichtsblindheit um und informiert Leute, die er trifft, sofort bei der ersten Begegnung.

Heilbar ist Prosopagnosie nicht – und bisher auch noch recht unbekannt und wenig erforscht. Ungeklärt ist zudem, warum die Gesichtsblindheit von Geburt an vorliegt. Die Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Universität versuchen jetzt herauszufinden, wie viel der Krankheit vererbt sein könnte.