Wenn ein Flüchtling minderjährig ist, darf er nicht abgeschoben werden. Also schaut das Bundesland Hamburg ganz genau hin. Auch wie groß Brüste, Penis und Hoden sind. Jetzt regt sich Protest.

Wer als Flüchtling ohne offizielle Papiere nach Deutschland kommt, dessen Alter wird von den Behörden bestimmt. Und ob sie oder er dabei als volljährig oder minderjährig eingestuft werden, kann ganz entscheidend sein. Der Grund: Wer unter 18 ist, wird von der Jugendhilfe betreut, darf zur Schule gehen und vor allem eines nicht: abgeschoben werden.

Bleibt die Frage, wie die Behörden herausfinden, wie alt ein Flüchtling ist. Im Stadtstaat Hamburg soll das die rechtsmedizinische Altersfeststellung klären - und die sorgt für Diskussionen.

"Bei weiblichen Flüchtlingen werden die Brustdrüsen, bei männlichen Hoden und Penis kontrolliert."
Axel Schröder, Korrespondent in Hamburg

Das ganze Prozedere besteht aus mehreren Untersuchungen, hat unser Korrespondent Axel Schröder von einer Rechtsmedizinerin erfahren. Entwickelt wurde das Ganze im Jahre 1969 vom Rechtsmediziner James Tanner. Die Ärzte messen den Blutdruck, röntgen und machen Panoramaschichtaufnahmen von Ober- und Unterkiefer. Auch das Schlüsselbein und der Handwurzelknochen werden durchleuchtet. Und dann folgt eine Untersuchung, die besonders umstritten ist: Die so genannten Reifezeichen werden abgeprüft. Hat der Mensch schon Achsel- und Schamhaare, wächst ihm ein Bart - und wenn ja, ist das ein Flaum oder die borstige Version, die eher auf ein höheres Alter schließen lässt? Ein Artikel der taz hat außerdem aufgedeckt: Bei weiblichen Flüchtlingen wird untersucht, wie weit die Brustdrüsen entwickelt sind und bei jungen Männer Größe und Form von Penis und Hoden genauer in Augenschein genommen.

Wer sich weigert, muss gehen

Theoretisch dürfen Flüchtlinge diese Untersuchung ablehnen. Wer sich weigert, wird von der Ausländerbehörde aber automatisch als Erwachsener behandelt und nicht mehr vor Abschiebung bewahrt.

Der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery kritisiert den Umgang mit den Flüchtlingen. Dabei geht es ihm aber nur darum, dass den Flüchtlingen vorgegaukelt wird, die Altersfeststellung sei freiwillig. Zur medizinischen Untersuchung hat er sich nicht geäußert. Ein bisschen verwunderlich, weil die Bundesärztekammer schon 2007 beschlossen hat, dass Mediziner an der Altersfeststellung nicht teilnehmen sollen.

Auf Nachfrage hat die zuständige Sozialbehörde aber auch gesagt: Nicht jeder Flüchtling, bei dem das Alter unklar ist, muss das gesamte Prozedere bis zur Genitalschau über sich ergehen lassen. Manchmal reichen auch schon Röntgenaufnahmen.