"Lauf nur, Onkel Kemal" haben viele in der Türkei gesagt und ihn ausgelacht. Jetzt gilt sein "Marsch für Gerechtigkeit" als wichtigste Geste des Widerstands: Mit einer Großkundgebung ist der Protestzug des türkischen Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu in Istanbul zu Ende gegangen. 

425 Kilometer war der 68-jährige Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei CHP zu Fuß von Ankara nach Istanbul gelaufen. Kemal Kilicdaroglu hatte den Marsch am 15. Juni in Ankara aus Protest gegen die Festnahme eines Parteifreunds gestartet. Zuletzt folgten ihm jeden Tag zehntausende Menschen. 

"Momentan leben wir in einer Diktatur. Und ich möchte, dass das jeder weiß: Wir leben in einer Diktatur."
Kemal Kilicdaroglu, türkischer Oppositionsführer

Regierungsnahe Medien sagen, es waren 200.000 Menschen bei der Kundgebung. Laut Opposition waren es 1,7 Millionen Teilnehmer. Katharina Willinger ist für Deutschlandfunk Nova in Istanbul dabei gewesen. Sie schätzt, dass etwa eine Million Menschen in Istanbul protestiert haben.

"Die Stimmung war ausgelassen, fast so eine Art friedliche Festivalatmosphäre - aber trotzdem ernst. Die Leute sind gekommen, weil ihnen die Situation im Land Sorgen macht."
Katharina Willinger, Korrespondentin in Istanbul

Kemal Kilicdaroglu betonte bei der Kundgebung, dies sei erst der Anfang des Protestes. Er stellte ein Zehn-Punkte-Manifest mit konkreten Forderungen an die türkische Regierung auf. An erster Stelle fordert er die Aufhebung des Ausnahmezustands und die Freilassung von Journalisten und Akademikern.

Kein Kommentar von Erdogan

Staatschef Erdogan hat bislang nicht auf die Großkundgebung reagiert, nachdem er den Marsch zuvor häufig kritisiert und die Oppositionellen in die Ecke von Terroristen geschoben hat. 

Am Morgen nach der abschließenden Kundgebung hat es allerdings eine große Razzia an zwei türkischen Hochschulen gegeben, bei der 70 Leute festgenommen wurden, darunter ein sehr bekannter Professor und Journalist. Katharina Willinger vermutet, dies könne eine indirekte Reaktion von Erdogan sein. 

"Kilicdaroglu hat die tot geglaubte Opposition in der Türkei wieder vereint. Er hat es geschafft, dass eine Million Menschen aus allen Schichten zu dem Marsch gekommen sind."
Katharina Willinger, Korrespondentin in Istanbul