Seit August demonstrieren in Belarus tausende Menschen für mehr Demokratie. Katja, eine von ihnen, will weiter auf die Straße gehen – obwohl bald womöglich scharfe Waffen eingesetzt werden.

Die Regierung von Belarus zieht in Erwägung auch scharfe Waffen einzusetzen. Grund sei eine angebliche Radikalisierung der Massenproteste gegen Staatschef Alexander Lukaschenko, hieß es in einer im Messengerdienst Telegram veröffentlichten Erklärung des Innenministeriums, über die die Nachrichtenagenturen Reuters und AFP berichten.

Katja (zu ihrem Schutz erwähnen wir nur den Vornamen) demonstriert in Belarus und berichtet anderes. Sie kann keinerlei Radikalisierung der Proteste erkennen – sondern eher zunehmende Gewaltbereitschaft seitens der Regierung.

Katja im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Diane Hielscher:

Diane Hielscher: Katja, gehst du am Sonntag wieder protestieren? Obwohl, wie jetzt diskutiert wird, auch scharfe Waffen eingesetzt werden könnten?

Katja: Ich gehe demonstrieren. Diese Drohungen hören wir nicht zum ersten Mal. Deswegen sind wir nicht so überrascht.

Das Innenministerium versucht ja immer, friedliche Proteste als radikale Proteste auszugeben. Und das machen sie in gewisser Weise als Provokation. Wenn sich die Proteste tatsächlich radikalisieren würden, wäre das gut für sie, so könnte man Waffen einsetzen und hätte eine Legitimation.

Das heißt, die Proteste sind noch friedlich?

Ja. Die Proteste haben einen friedlichen Charakter. Am letzten Sonntag hatten sich die Demonstranten noch kaum versammelt, da wurden schon Granaten und Wasserwerfer eingesetzt. Wir haben es nicht mal geschafft, durch die Straßen zu ziehen. Diejenigen, die tapfer dageblieben sind, wurden niedergeschlagen.

Es ist ja schon vorgekommen, dass die Regierung Protestler eingeschleust hat, um eine Radikalisierung vorzutäuschen – also Menschen, die Stress machen, damit es zum großen Knall kommt.

Das ist meines Wissens noch nicht passiert. Aber von dieser Staatsmacht kann man alles erwarten. Das haben schon die ersten Tagen nach den Wahlen im August gezeigt.

Du wirkst nicht so, als hättest du Angst.

Wir sind tatsächlich am Punkt angelangt, keine Angst zu haben. Es muss sich einfach etwas ändern. Zu viele Menschen sind verbittert, zu viele sind von der Staatsgewalt betroffen. Unsere Studenten, unsere Ärzte, wir waren alle schon im Gefängnis, sodass wir alle verstehen, dass wir das nicht mehr hinnehmen und uns nicht mehr einschüchtern lassen können.

Was würdest du dir wünschen, wie es in den nächsten Tagen und Wochen weitergeht?

Die Menschen sollen weiter protestieren, natürlich müssen sie vorsichtig sein. Wir müssen mit allem rechnen.

Von der Europäischen Union erwarte ich, dass sie Druck ausübt. Wirtschaftliche Sanktionen müssen her, Lukaschenko muss das spüren.

Ein wirtschaftlicher Kollaps würde euch zugute kommen?

Ja, die Bevölkerung ist sich weitgehend einig: Das Regime kann nur dann beendet werden, wenn Lukaschenko kein Geld mehr hat für die Miliz und für die Gewaltausübung. Die EU muss womöglich alle Zuwendungen für Belarus blockieren oder einstellen. Denn dieses Geld geht am Ende irgendwie immer an Lukaschenko und erreicht nicht die eigentlichen Empfänger, die Zivilgesellschaft. Jede finanzielle Unterstützung der Zivilgesellschaft hat nur dann Sinn, wenn es zur echten Demokratisierung im Lande beiträgt.