Psychische Erkrankungen treten in bestimmten sozialen Kontexten häufiger auf – etwa in Schulklassen oder im Arbeitsumfeld. Warum erkranken Menschen eher, wenn andere in ihrem Umfeld psychisch krank sind? Antworten aus der aktuellen Forschung.

Bei einer Erkältung oder einem schlimmeren Infekt gilt: Am besten in die Armbeuge niesen oder husten. Andere möglichst nicht anzustecken, haben wir spätestens in der Coronapandemie gelernt.

Mit Viruserkrankungen ist das Phänomen bei psychischen Erkrankungen natürlich nicht vergleichbar. Und trotzdem gibt es Effekte, die fast so wirken, als könnten sich Depressionen und andere psychische Erkrankungen übertragen.

Eine Studie aus Finnland zeigt: Schüler*innen entwickeln eher eine psychische Erkrankung, wenn andere in ihrer Klasse bereits eine haben. Ähnliche Zusammenhänge sind auch bei Erwachsenen am Arbeitsplatz beobachtet worden. Forschende wie Philipp Kanske von der TU Dresden sprechen in diesem Zusammenhang von einer Übertragung. Sie tritt vor allem bei Depression auf.

Kann das Leid einer anderen Person auf uns "überspringen?

Es gibt verschiedene Hypothesen dazu, wie es zu solchen Übertragungen kommen könnte, erklärt Tobi Blum aus dem Deutschlandfunk-Nova-Wissensteam. "Eine Hypothese geht davon aus, dass nicht die Erkrankung selbst übertragen wird, sondern der Stress. Das könnte mit unserer Empathiefähigkeit zusammenhängen.

"Wir sind soziale Wesen. Wenn wir jemand sehen, der gerade in einer stressigen Situation ist, dann fühlen wir mit."
Tobi Blum, Deutschlandfunk-Nova-Wissensteam

Philipp Kanske erklärt, dass dieser Stress nicht nur gefühlt wird, sondern sich auch auf körperlicher Ebene auswirkt. "Wenn der Stress auf einem chronischen Level übertragen wird, dann könnte es sein, dass das zu einer psychischen Erkrankung bei den Personen im Umfeld der erkrankten Personen führt", erklärt der Forscher.

"Vor allem bei Menschen, die wir gut kennen, könnte eine Stressübertragung vorkommen – und wenn wir vielleicht eine Veranlagung zur Depression haben."
Tobi Blum, Deutschlandfunk-Nova-Wissensteam

Was gegen die Übernahme von Stress helfen könnte

Menschen mit einer psychischen Erkrankung müssen wir aus Angst vor einer solchen Übertragung natürlich nicht meiden, betont unser Reporter. Er rät: "Wenn wir uns präventiv vor sozialen Übertragungen schützen möchten, könnten Achtsamkeits- und Entspannungsübungen der richtige Weg sein." Das könne uns helfen, besser mit dem Stress umzugehen, der sich in bestimmten Situationen auf uns überträgt.

Philipp Kanske forscht dazu gerade mit Paaren. Er will herausfinden, ob Achtsamkeitsübungen dazu beitragen können, dass sich zu viel Stress – und damit möglicherweise auch eine Depression – nicht auf den Partner oder die Partnerin überträgt. Für diese Trainings suchen die Forschenden derzeit noch Studienteilnehmende, so Tobias Blum. Auf handfeste Ergebnisse müssen wir deshalb noch warten.