Orientierung, Halt und Ressource, aber auch Schuldgefühle und Ängste: Die psychischen Effekte von Glaube und Religion sind ambivalent, sagt Facharzt Bastian Willenborg. Und selbst die schönste Studie zum Thema dürfe nicht kausal interpretiert werden.
In etwa zwei von drei Fällen fragt er seine Patientinnen und Patienten nach Glaube und Spiritualität: Nur wenn Bastian Willenborg den Eindruck hat, dass beides eine wichtige Rolle spielt, macht es der Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie auch zum Thema. Die Frage im Hintergrund ist dann: Ist es eher etwas Unterstützendes oder eher etwas weniger?
"Glaube gibt häufig Orientierung, das kann eine Ressource sein, das kann aber auch mal Ursache für Schuldgefühle und Ängste sein."
Seiner Erfahrung nach können Glaube und Spiritualität als psychische Ressource Orientierung, Hoffnung und Zugehörigkeit geben. "Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt ist, dieser Zugehörigkeitsaspekt, wenn ich in einer Gemeinde aktiv bin", sagt Bastian Willenborg.
Religion und Ausgrenzung
Gerade dieses Gefühl der Zugehörigkeit, diese Orientierung, was man machen darf, und was nicht, könne allerdings für andere Menschen schwierig sein. "Das kann dann Schuld und Scham auslösen. Vor allem Sexualität ist häufig so ein Bereich, der häufig auch durch Religion zumindest vorgegeben ist", sagt der Facharzt für psychosomatische Medizin.
Beispielhaft nennt er Patienten, homosexuelle Männer, die in einer sehr katholischen Gegend in Südbayern aufgewachsen sind. "Die haben sich da nicht wohlgefühlt und das hat wirklich auch Schwierigkeiten gemacht, dieses Gefühl: Ich gehöre nicht dazu, ich bin anders."
Angststörungen und Religiosität
Eine aktuelle Untersuchung berührt das Thema Spiritualität und psychische Gesundheit noch einmal aus einer anderen Richtung. Forschende der Ruhr-Universität Bochum und des Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit haben über einen sehr langen Zeitraum von 1989 bis 2022 Gesundheits- und Kulturdaten aus 70 Ländern ausgewertet.
In der Analyse haben die Forschenden eine Parallelität bemerkt, betont und in einen Zusammenhang gestellt: Dort, wo die Religiosität rückläufig ist, haben Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen.
"Es ist ganz wichtig, dass hier nicht Ursache-Wirkung untersucht worden ist. Das sind Korrelationen, das sind einfach Beobachtungen."
Es sei wichtig, hier keinen kausalen Zusammenhang herzustellen, ist Bastian Willenborg überzeugt. Das gebe das Studiendesign schlicht nicht her, ein solcher Zusammenhang sei im Grunde nicht abfragbar. Er sagt: "Ein Studiendesign zu entwickeln, bei dem weder der Patient noch der primäre Untersuchende weiß, in welchem Studienarm du gerade bist, das ist für so gesellschaftliche Themen quasi nicht umsetzbar."
