Wir grübeln ständig darüber nach, wie unser Gegenüber uns wahrnimmt und beurteilt. Psychologin Carolin Müller gibt Tipps, wie wir uns davon freimachen können. Denn das, was sich im eigenen Kopf abspielt, stimmt in der Realität meistens nicht.

Warum ist es uns nicht egal, wenn der ältere Spaziergänger uns vorwurfsvoll anstarrt, weil wir mit Kopfhörern rumlaufen und nebenbei noch eine Nachricht schreiben? Denn eigentlich geht es den Mann absolut gar nichts an. Trotzdem grübeln wir darüber nach, was er in dem Moment über uns denkt.

"Weil wir in einer Gruppe leben, ist uns die Meinung der anderen so wichtig: Wir brauchen Anerkennung und Liebe."
Carolin Müller, Psychologin

Dass es uns beschäftigt, was die anderen über uns denken, ist ein tiefer menschlicher Mechanismus, sagt Psychologin Carolin Müller – kein anderes Tier hat so ein Empfinden. Das liegt daran, dass wir in einer sehr großen Gruppe leben. Der gesellschaftliche Austausch für die Organisation ebendieser Gruppe ist unglaublich wichtig.

In der Psychologie bezeichnet man das als "Theory of Mind": "Das ist die Fähigkeit, eine Idee davon zu haben, was im Kopf der anderen vorgeht", so Carolin Müller. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auf Gefühle, Erwartungen und Bedürfnisse. Dieses Empfinden basiert entsprechend auf sehr vielen Vermutungen.

Theory of Mind: Ich vermute, was in deinem Kopf vorgeht

Die Bewertung der anderen ist uns auch unglaublich wichtig, weil sie unser Selbstbild formt und reflektiert. "Woher wissen wir denn, wer wir sind? Wir kriegen das durch das Feedback von der Außenwelt", sagt die Psychologin. Deswegen ist uns auch das Urteil eines Menschen wichtig, auch wenn die Person in unserem Leben keine große Rolle spielt.

Klar können wir auch selbst abschätzen, wer wir sind. Daher kommt auch der Begriff "Ego", was in der buddhistischen Psychologie etwa "die Geschichte, die wir uns selbst erzählen" heißt, so Carolin Müller. "Aber natürlich wird dieses Bild gegen die Außenwelt getestet. Es ist wichtig, zu wissen, wer wir sind, und die Außenwelt gibt uns ein Feedback darüber." Das Bild muss aber immer wieder abgeglichen werden, weil wir uns ständig verändern.

"Am Ende gibt es nichts Schlimmeres als zu leugnen, wer man ist."
Carolin Müller, Psychologin

Es ist bei jedem Menschen unterschiedlich, wie viel Bestätigung von außen er oder sie braucht. "Es gibt Leute, die sich sehr viel einen Kopf drum machen, was die anderen denken", beschreibt Carolin Müller. Damit versuchen sie, die Erwartungen der anderen zu erraten und zu erfüllen.

So richtig frei fühlt man sich dabei meistens nicht, weil einen niemand so richtig kennt, wenn man sich immer am Urteil der anderen Person orientiert. Dabei geht Authentizität verloren und ehrliche Beziehungen sind kaum möglich.

Andererseits gibt es auch Menschen, die sich kaum Gedanken über das machen, was ihr Gegenüber über sie denkt. Diesen Leuten ist die Bewertung nicht so wichtig, weil ihnen ihre Stärken und Schwächen bewusst sind - und diese nicht von außen reflektiert werden müssen.

"Es ist besser, wenn du dich selbst kennst und du dein eigenes Potenzial leben kannst."
Carolin Müller, Psychologin

Die Psychologin ist überzeugt, dass Selbstakzeptanz der Schlüssel dazu ist, sich von Urteilen der anderen frei zu machen: "In erster Linie geht es darum, sich selbst zu kennen und sich zu akzeptieren, so wie man ist." Erst das kann zu Veränderungen führen. Und die Leute, die uns tatsächlich wichtig sind, werden uns zwar nicht immer zustimmen, aber sie werden uns akzeptieren.

Schließlich entspricht das, von dem wir glauben, dass die anderen es über uns denken, meistens nicht der Realität: "Wenn du glaubst, dass die Nachbarin gerade denkt: 'Oh mein Gott, wie läuft die denn rum?', ist das vielleicht nicht der Fall", betont Carolin Müller. "Wie wir darüber denken, was die Nachbarn von uns denken, sagt mehr über uns aus als über die Nachbarn." Dafür hat die Psychologin einen klaren Tipp: "Bleib in deinem eigenen Kopf."