Das Wissen über jüdisches Leben in Deutschland ist recht begrenzt. Noch immer bestimmen ein paar Themen die Debatte. Das will Laura Cazés zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren nun ändern und mehr Vielfalt ins Bewusstsein rufen.

Die Frage wird oft auch einfach auf der WG-Party gestellt, egal ob sie dahin gehört: "Haben Deine Großeltern auch die Shoa überlebt oder erlebt?" Manchmal würde Laura Cazés die Frage dann gerne einfach zurückgeben: "Und, was haben Deine Großeltern im Nationalsozialismus so gemacht?" Die Reaktionen darauf seien aber selten besonders verständnisvoll. Das eine habe doch nichts mit dem anderen zu tun.

"Ich habe ganz häufig das Gefühl, in einem Raum zu sein, in dem Menschen über deutsche Geschichte sprechen, als hätten sie damit nichts zu tun."
Publizistin Laura Cazés

Die Assoziationen zum Judentum und zu jüdischem Leben seien immer noch geprägt von wenigen Themen und von wenig Ahnung der Mehrheitsgesellschaft: "Die Menschen wissen vielleicht noch, dass das religiöse Oberhaupt Rabbiner heißt und dass Juden Schabbat feiern", sagt Laura Cazés. Schabbat ist der Ruhetag der Woche, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll.

"Du musst dich zur Gaskammer und Synagoge im Kopf deines Gegenübers verhalten. Und das wissen die meisten jüdischen Leute."
Publizistin Laura Cazés

"Und vielleicht kennen sie noch einen jüdischen Feiertag, weil sie irgendeine US-amerikanische Serie geguckt haben. Doch die nächsten Assoziationen, die dann kommen, sind häufig Gaskammern, Massenerschießungen und SS-Uniformen", sagt sie.

Diese Kombination würde bei vielen Menschen direkt ein Unbehagen auslösen. "Gut ist, wenn ich dieses Unbehagen benenne. Unbehagen entsteht immer dann, wenn etwas unausgehandelt ist", so Laura Cazés. Es gibt also Gesprächsbedarf.

Fast alle Jüd*innen in Deutschland haben eine Migrationsgeschichte

Laura Cazés leitet die Abteilung für Kommunikation und Digitalisierung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Die Einrichtung kümmert sich vergleichbar zur Caritas oder Diakonie vor allem um soziale Themen. Um weitere Facetten des jüdischen Lebens in Deutschland aufzuzeigen, hat Laura Cazés gerade einen Aufsatz-Band herausgegeben. Der Titel: "Sicher sind wir nicht geblieben. Jüdischsein in Deutschland."

"Die Geschichte dieses Landes lässt sich nicht erzählen, ohne die Geschichte zu reproduzieren. Und es ist wichtig, das zu tun."
Publizistin Laura Cazés

In dem Sammelband schreiben sie und andere jüdische Autor*innen wie Mirna Funke, Daniel Donskoy oder Deborah Antmann. Sie alle schreiben zum Beispiel darüber, warum die jüdische Religion nur einen Teil vom Judentum und von jüdischer Identität darstellt, weshalb viele Jüd*innen in Deutschland gegen Armut kämpfen und wieso nahezu allen jüdischen Menschen in Deutschland eine Migrationsgeschichte haben.

Der Grund für Letzteres ist so einfach wie grausam: "99 Prozent der Juden in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, weil deutsche Juden in der Shoa in Deutschland vernichtet wurden", heißt es in dem Band. Die Autor*innen beschreiben aber auch positive Orte jüdischen Zusammenlebens in Deutschland.

Im Deep Talk spricht Laura Cazés mit Sven Preger über diese Orte, über das jüdische Leben in Deutschland und darüber, was es für einen gelungenen Abend braucht.

Quellen aus der Folge:
Empfehlungen aus dem Beitrag:
  • Laura Cazés (Hrsg.): Sicher sind wir nicht geblieben. Jüdischsein in Deutschland. Fischer 2022.
  • Deep Talk
  • Moderator:  Sven Preger
  • Gesprächspartnerin:  Laura Cazés, Leiterin der Abteilung für Kommunikation und Digitalisierung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und Mit-Autorin von "Jüdischsein in Deutschland"