Ein deutscher Pass ist viel wert. Wer ihn besitzt, kann sich so frei in der Welt bewegen wie nur wenige andere. Welche Staatsbürgerschaft jemand besitzt, entscheidet über Zugang, Aufenthalt und Rechte. Das war nicht immer so. Ein Vortrag des Historikers Dieter Gosewinkel.

In sogenannten Reisepass-Rankings landen deutsche Pässe regelmäßig auf einem der ersten drei Plätze. Mit einem deutschen Pass kommt man leicht über Grenzen, kann an viele Orte reisen, ohne Visa zu beantragen oder abgewiesen zu werden. Doch der "richtige" Pass geht mit weit größeren Privilegien einher, als nur einfacher in den Urlaub zu kommen.

"Die Zugehörigkeit zu bestimmten Staaten entscheidet über die Qualität des Passes, das heißt den Zugang zu einem anderen Staat, den Aufenthalt und die Rechte dort."
Dieter Gosewinkel, Historiker

Unsere Staatsangehörigkeit entscheidet über politische Zugehörigkeit, über Aufenthaltsrecht und Arbeitsmöglichkeiten und damit letztlich über die Chancen, die wir im Leben bekommen.

Wie die Bedeutung der Staatsbürgerschaft entstand

Das war nicht immer so. Denn die enorme Bedeutung der Staatsangehörigkeit hat sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt.

"Die scharfe Grenzziehung durch Staatsbürgerschaft ist historisch gesehen ein Phänomen, das mit der Wende zum 20. Jahrhundert von Europa her kommend die Welt ergriff. Diese herausragende Bedeutung der Staatsbürgerschaft unterscheidet das 20. Jahrhundert signifikant von vorangehenden historischen Phasen."
Dieter Gosewinkel, Historiker

Noch im 19. Jahrhundert spielten andere Kategorien eine viel wichtigere Rolle, zum Beispiel die Religion oder die soziale Schicht, der man angehörte. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert sich 1942 wehmütig an eine Zeit, in der Landesgrenzen nur eine geringe Rolle spielten:

"Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötzte mich immer wieder neu an dem Erstaunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzählte, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben." (aus: "Die Welt von gestern", 1942)

In seinem Vortrag erklärt Dieter Gosewinkel, wie die Kategorie der Staatsangehörigkeit heute über Zugehörigkeit und Ausschluss entscheidet und wie es dazu gekommen ist.

Dieter Gosewinkel ist Professor für neuere Geschichte an der FU Berlin und forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sein Vortrag hat den Titel "Staatsbürgerschaft. Zu einer globalen Institution des Rechts". Er hat ihn am 12. Mai 2022 am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam gehalten im Rahmen des Workshops "Globalisierungen von Recht und Rechtswissen".