Als die Christen 1492 Spanien von den nordafrikanischen Mauren zurückeroberten, legte die sogenannte Reconquista auch einen Grundstein für den Rassismus, den wir bis heute kennen. Soziologe Aladin El-Mafaalani durchleuchtet in seinem Vortrag eine Menschenfeindlichkeit, die schon mehr als fünf Jahrhunderte anhält.

Beim Aufbau ihres neuen Spaniens orientieren sich die Christen 1492 an der Sprache (spanisch sprechen), dem Aussehen (weiß sein), der Religion (Christentum) und dem geografischen Gebiet (iberische Halbinsel). Nur wer diesen Kriterien entspricht, gehört für sie zur neu gegründeten Nation. Alle anderen setzen sie unter Druck, verfolgen und vertreiben sie.

"Dieses Denken breitet sich über den Kolonialismus aus. Daraus entsteht die Idee von homogenen Nationen. Das Ganze war verknüpft mit Antisemitismus."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Kurze Zeit später folgt die Aufteilung von Menschen in vermeintliche "Rassen". Heute weiß man, wie unwissenschaftlich und willkürlich die Einteilung von Menschen in Rassen ist. Damals aber hat besonders das Zeitalter der Aufklärung diese rassistische Annahme weiter nach vorne gebracht, obwohl dessen führende Köpfe für die Freiheit aller Menschen eintreten wollten. Ein Vertreter dieser falschen Rassenlehre war der deutsche Philosoph Immanuel Kant.

Rassismus: damals wie heute

Wie stark diese Lehre unsere Gesellschaft und Strukturen geprägt hat, zeigt sich heute weiter: Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse, neu erlassener Gesetze und einer gleichlautenden Rechtsprechung hält sich die Annahme, es gäbe höher- und minderwertige Menschen, die sich durch klare Merkmale unterscheiden lassen.

Soziologe Aladin El-Mafaalani sieht im deutschen Schulsystem einen erheblichen Nachholbedarf. In seinem Vortrag berichtet er von Unterrichtsstunden an Schulen in Kanada, in denen sich die Kinder in der ersten Klasse schon intensiv mit seelischen und körperlichen Verletzungen befassen – auch wenn sie den Begriff "Rassismus" noch gar nicht kennen. Das deutsche Schulsystem scheint davon meilenweit entfernt.

Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und Erziehungswissenschaftler. An der Universität Osnabrück hat er den Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft inne. Seinen Vortrag "Rassismus als pädagogische Herausforderung" hat er am 13. Juni 2022 im Rahmen des Forschungsprojektes und der Ringvorlesung "Struktureller Rassismus" an der Universität Halle-Wittenberg gehalten.

Unser Bild zeigt Muhammad XII., den letzten Emir von Granada, und das spanische Königspaar 1492 bei der Übergabe von Granada.