Die Liste der rassistischen Artbezeichnungen ist lang. Einige Initiativen fordern eine Namensänderung von Tieren, Pflanzen und Pilzen, die einen rassistischen Namen tragen. Doch es gibt auch einflussreiche Stimmen in der Forschung, die dagegen sind.

Rassismus ist ein strukturelles Problem. Das zeigt sich auch in der Naturkunde. Denn: Etliche Artbezeichnungen haben rassistische Namen – auch heute noch. In den lateinischen Fachbegriffen oder den umgangssprachlichen Namen von Tieren, Pflanzen oder auch Pilzen taucht dann etwa das N-Wort auf.

Die rassistischen Artbezeichnungen stammen aus der Zeit, als insbesondere weiße Forschende ab dem 17. Jahrhundert weltweit für sie neu entdeckte Arten aus ihrer weißen und vom Kolonialismus geprägten Sicht benannt haben.

Geändert hat sich an den rassistischen Namen bis heute kaum etwas. Warum sich Forschende gegen eine Namensänderung sträuben und was helfen könnte, die Artbezeichnungen doch durchzusetzen, erklärt Ethnologe Felix Riedel im Interview mit Deutschlandfunk-Nova-Reportern Tina Howard. Der Ethnologe arbeitet auch für die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz.

Tina Howard: Heute würde niemand mehr solche rassistischen Namen vergeben. Gibt es eine Möglichkeit, die bestehenden zu ändern?

Felix Riedel: Bei den Trivialnamen – also den deutschen Namen – ist das relativ üblich, Arten anders zu benennen, als man das gewohnt ist. Das ist im Prinzip eine Frage des Dialekts oder der Konvention. Man beschließt das auf einer Konferenz, etwas in den Publikationen nicht mehr so oder anders zu benennen. Das wird auch mit vielen anderen Arten zu anderen Zwecken immer wieder gemacht. Das wäre überhaupt kein Problem, andere deutsche Namen zu wählen.

Anders ist es im internationalen wissenschaftlichen Bereich. Da gibt es die internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur. Das ist ein Verein mit nur 24 Mitgliedern – die auch selbst neue Mitglieder wählen. Diese Mitglieder sind alle weiß. Mehrere Personen sind aus dem asiatischen Raum. Es ist nur eine Frau dabei.

Dieser sehr kleine Verein ist für alle wissenschaftlichen Namen zuständig, und der hat sich die Regel gegeben, dass historisch zuerst verwendete Namen nicht mehr geändert werden dürfen oder können.

Das heißt: Die gesamte wissenschaftliche Gemeinde fühlt sich gebunden an diese internationalen Regeln zur zoologischen Nomenklatur und stellt sich nun auf den Standpunkt, dass wissenschaftliche Artbezeichnungen – also die lateinischen Namen – nicht mehr geändert werden.

Das heißt, der Verein müsste seine Satzung ändern?

Genau, und das geht natürlich nur mit entsprechendem öffentlichen Druck. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man nicht einen geschichtlichen Schritt geht, zugibt, dass historisch Tierarten wie die Skorpione nach den "Hottentotten" benannt wurden, was eigentlich eine ziemliche Unverschämtheit ist, und diese Tierarten umbenennt.

Das wäre ein ganz normaler gesellschaftlicher Akt. Nur: Solange der Verein keinen Druck von außen erhält, das auch zu tun, haben wir das Problem, dass das so bleiben wird.

Wie könnte man denn einen solchen öffentlichen Druck aufbauen?

Ich denke, dass die Betroffenen einen großen Hebel haben, wenn sie sagen: "Wir aus der Betroffenen-Perspektive sind entsetzt darüber, wie viele Namen das sind und wie ignorant sich eine – man muss es so sagen – vor allem weiße Community verhält. Und dann üben wir daran permanent Kritik." Das kann aber auch über die Medien passieren oder eben aus den wissenschaftlichen Gemeinden selbst kommen.

Ich hatte versucht anzustoßen, diese Diskussion auf mehreren Schmetterlingsforen im Internet zu führen und war entsetzt, dass 95 Prozent der Beteiligten dieses Ansinnen, eine andere Bezeichnung einzuführen, durchweg ablehnten mit unterschiedlichen Strategien.

Interessant fand ich: Von mehreren Fachpersonen wurde geäußert, dass mit der Verwendung des Begriffs ja an den Rassismus erinnert würde. Den Akt der rassistischen Bezeichnung als einen Akt der Erinnerung an Rassismus umzuwerten – das ist schon ein starkes Stück.

Was ja ein häufig vorgebrachtes Gegenargument ist.

Ich denke, das Wichtigste ist, die Opferperspektive einzunehmen, diese zu respektieren und zu sagen: Diese Menschen wollen nicht auf ihre Hautfarbe reduziert werden. Sie wollen als Individuum wahrgenommen werden.

Das andere ist: Wir haben in der Geschichte die Situation, dass Weiße in alle möglichen Länder der Welt reisen und Gesellschaften, Pflanzen, Tiere benennen, wie es ihnen passt. Heute stehen dann manche dieser Begriff zur Kritik an. Jetzt sagen weiße Naturforscher sie sind die Opfer der Geschichte, ihnen würden Begriffe verboten, ihnen würde die Sprache verboten. Ich denke, man muss sich die Raffiniertheit dieser Verkehrung vergegenwärtigen, dass hier Leute, die in der Geschichte auf der Täterseite standen oder gestanden hätten, sich nun als Opfer aufspielen, weil sie drei, vier Worte oder im Fall der Naturkunde an die hundert Artnamen einmal umbenennen müssen – während sie selbst permanent in der Geschichte andere Gesellschaften mit Schmähworten bezeichnet haben wie zum Beispiel "Hottentotten". Das ist ihnen überhaupt nicht gegenwärtig.

Diesen Modus des Selbstmitleids bei Weißen zu durchbrechen und zu sagen: Ihr seid hier nicht die Opfer, wenn ihr zwei, drei Worte nicht mehr verwendet. Das, denke ich, ist ganz wichtig, dass man sich vergegenwärtigt, wie arrogant diese ganze Geschichte gegenüber denen war, die jetzt aufstehen und sagen: Wir möchten nicht mehr mit diesen Begriffen bezeichnet und assoziiert werden. Wir möchten nicht mehr auf diese Farbe reduziert werden.