Esoterik ist bei Youtube enorm beliebt. Aber es geht nicht immer nur um Lebensweisheiten, Meditation, sondern auch um rechte Verschwörungstheorien. Der Theologe und Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann untersucht die Zusammenhänge.

Esoterik kann zum Beispiel heißen: Karten lesen, Kraftsteine am Hals tragen, Meditieren. Aber manchmal geht es auch um noch etwas anderes: rechtes Gedankengut. Matthias Pöhlmann recherchiert als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern den Zusammenhang zwischen rechter Szene und Esoterik. Er beobachtet in den vergangenen Jahren eine interessante Mischung aus Verschwörungstheorien und einem großen Wut- und Frustpotential, erzählt er.

Nährboden für rechte Esoterik und Verschwörungstheorien: Misstrauen und Polarisierung

Die Esoterik, glaubt der Sektenbeauftragte, ist von ihrem Wesen her sehr an den Markt angepasst, sie bewege sich zwischen Alltagsphänomen und Krisensymptom. Und auch der Rechtspopulismus ist ein Krisenphänomen, meint er.

"Ein ganz starkes Misstrauen gegenüber der Politik, gegenüber der Wissenschaft, gegenüber den Religionen und natürlich auch gegenüber den Medien."
Matthias Pöhlmann über Grundgedanken der rechtsesoterischen Szene

Bei beiden – Rechtspopulismus und Esoterik – gehe es um gesellschaftliche Verwerfungen, um Polarisierung und um ein großes Misstrauen innerhalb der Gesellschaft. Und die gleichen Phänomene, so ergänzt er, beschreiben auch Untersuchungen zur Verbreitung von Verschwörungstheorien.

Verschwörungsglauben meets Antisemitismus

Besonders problematisch findet Matthias Pöllmann die fließenden Übergänge zwischen Verschwörungstheorien und antisemitischen Überzeugungen. Gerade im esoterischen Kontext könne man das an bestimmten Codes beobachten.

"Was ich sehr problematisch finde, ist diese Vermischung zwischen Verschwörungstheorien und auch antisemitistischen Überzeugungen."
Matthias Pöhlmann, Theologe und Sektenbeauftragter

Als Beispiel nennt er die Buchreihe Anastasia, in der es um eine sagenhafte Gestalt aus der Taiga geht. Diese Bücher finden viele Leser, sagt er, sie klängen nach Naturromantik, Familienlandsitz und Ökologie. Darin eingestreut seien aber antidemokratische und antisemitische Überzeugungen.

Ein weiteres Beispiel: Matthias Pöhlmann besucht manchmal Esoterikmessen und entdeckt dort teilweise problematische Bücher. Er nennt den Autoren Jan Udo Holey, der sich das Pseudonym Jan van Helsing aus Dracula der Vampirjäger zugelegt hat: "Da findet man letztendlich auch die verschwörungsesoterischen Grundüberzeugungen."

Alte antisemitische Narrative werden wiederbelebt

In dem Umfeld würden auch wieder die "Protokolle der Weißen von Zion" aus der Mottenkiste geholt – erwiesenermaßen eine Fälschung, die aber als historische Tatsache referiert werde.

Die Autoren in der Szene gäben vor, Einblicke in größere Gesetzmäßigkeiten zu haben. Es geht bei all dem um einen sehr hohen Erkenntnisanspruch und einen "antiinstitutionellen Affekt", sagt Matthias Pöhlmann. Die Szene bilde zudem eine gefühlte Elite, die sich von anderen abgrenze. Sich selbst zählten Anhänger dieser rechtsesoterischen Szene zu den Erwachten – in Abgrenzung zu allen anderen, den sogenannten "Schlafschafen".

Elitedenken und dezentrale Vernetzung

Das besondere an dieser speziellen Esoterik-Szene ist dabei, so der Sektenbeauftragte, dass sie nicht zentral organisiert ist. Bei seinen Recherchen falle ihm auf, dass es nur personelle Vernetzungen gebe statt einer zentralen Struktur, die Mitglieder laden sich wechselseitig ein, so seine Beobachtung.

"Die Youtube-Videos spielen eine große Rolle. Man bewegt sich dann sehr stark als Nutzer in den verschwörungsesoterischen Echokammern, weil man den Mainstreammedien misstraut."
Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen

Für Matthias Pöhlmann ist diese Szene eigentlich auch ein Fall für die Behörden. Denn: Die Esoterik diene oft als trojanisches Pferd für rechtsextremes Denken. Teilweise segeln diese Anbieter unterhalb des Radars der Verfassungsbehörden, meint er. Obwohl viele unter ihnen zu antidemokratischem und antisemitischem Denken anstifteten.

"Wenn man sich dann die Botschaften genauer ansieht, dann muss man doch sagen, es handelt sich oft auch um geistige Brandstifter für antidemokratisches und antisemitisches Denken."
Matthias Pöhlmann, Theologe und Sektenbeauftragter