Bewusste Entgleisungen und Tabubrüche sind das sprachliche Werkzeug, mit dem rechte Gruppierungen hantieren, sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth. Wir sollten ihnen darum unsere Aufmerksamkeit nicht gönnen.

Auch wenn Joachim Scharloth selbst kaum Schimpfwörter benutzt, kennt er sich gut mit ihnen aus. Der Sprachwissenschaftler ist Professor for German Studies an der Waseda Universität in Tokyo. Doch schon seit seiner Zeit an der Technischen Universität Dresden, wo er bis 2017 Professor für Angewandte Linguistik war, beschäftigt er sich mit der Sprache der Rechten.

"Wir hatten das Studienfeld direkt vor der Haustür" sagt er - und meint damit Pegida, die in der Stadt seit 2014 regelmäßig und lautstark gegen Ausländer, Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Islam und mehr demonstriert oder besser: hetzt.

Datenbank der Schmähbegriffe

Denn auffällig sind vor allem die Kampf- und Schmähbegriffe der rechtsextremen Bewegung: "Lügenpresse" oder "Volksverräter". Joachim Scharloth hat sie über die Jahre gesammelt, seine Schimpfwort-Datenbank umfasst inzwischen mehr als 30.000 Einträge.

"Mehr als 1000 Schmähbegriffe allein für Angela Merkel. Ich nenne jetzt nur so ein paar, also: 'Merkill', 'Murksel', 'Mürkil', 'Ferkel', 'Bundeshosenanzug', 'Adolfela Merkel', 'Rautenpest', 'Regierungsfurunkel' und so weiter."
Joachim Scharloth, Linguist

Außer über Angela Merkel werde im Repertoire der Rechtsextremen auch häufig über die so genannten "Gutmenschen" hergezogen, es gibt auch Herabwürdigungen von Bundesländern, wie "Baden-Türkenberg" oder "Nordrhein-Wird-Fallen". Aber vor allem Menschen mit Migrationshintergrund werden diffamiert.

"Alles, was mit Metastasen und Geschwüren zusammenhängt, ist natürlich was ganz Übles. Ganz viel wird auch sexualisiert, das ist natürlich übelstes Zeug, das sollten wir nicht machen."
Joachim Scharloth, Linguist

Denn: Mit jeder Herabwürdigung, die geäußert wird, wird wieder eine Grenze verschoben. Sprache ist gleichzeitig auch immer Handeln. Das wissen alle, die sprachlich aufrüsten und böswillig-scharf schießen. Das Phänomen selbst ist nicht neu. Gesellschaftliche Gruppen und Strömungen links wie rechts nutzten das immer schon in ihrem Sinne.

Eine rechtsextreme "Schmähgesellschaft"

Im Fall der "Neuen Rechten" sieht Joachim Scharloth aber eine neue Qualität. Sie definiere sich durch das Schimpfen. Er nennt das eine "Schmähgemeinschaft", denn das gemeinsame Schimpfen ist eine identitätsstiftende Praktik, die sich gut in Kommentarspalten beobachten lasse. Dort würden regelrechte Überbietungswettbewerbe der originellsten Diffamierungen stattfinden.

"In den Kommentarspalten finden richtige Überbietungswettbewerbe statt: Wer landet die noch originellere Beschimpfung, wer findet den noch herabwürdigerenden Ausdruck?"
Joachim Scharloth, Linguist

Schmähen, das schweißt zusammen. Das funktioniert allerdings auch andersherum, nämlich bei denen, die sich damit nicht abfinden wollen und sich einmischen und mit eigenen Posts im Netz dagegenhalten. So wie die Mitglieder der Gruppe "Ich bin hier", die zu Tausenden bei Facebook gegen Hass und Hetze anschreiben.

Codes und Drohungen

Juliane Chakrabarti ist die Vereinsvorsitzende und sie meint, neben den Beschimpfungen spreche die Rechte auch gerne in ihrem eigenen Code, beispielsweise zynisch von "Goldstücken", und meine damit vor allem Zugewanderte aus dem afrikanischen Raum. "Ich wünsche Ihnen auch einmal, dass sie von unseren Goldstücken vergewaltigt werden" - das hörten die weiblichen Kommentatorinnen der Gruppe fast täglich, meint sie.

"Ich bin der Meinung, dass Leute, die andere Menschen beschimpfen, die unsere Institutionen beschimpfen, da muss man nicht drauf antworten, da muss man sich nicht empören. Die muss man einfach ignorieren."
Joachim Scharloth, Linguist

Joachim Scharloth hält die Bemühungen der Facebook-Gruppe in gewisser Weise für vergebliche Mühe. Er meint: Wer andere beschimpft und beleidigt, auch im Netz, der hat unsere Aufmerksamkeit nicht verdient. Sprachliche Entgleisungen und ganz bewusste Tabubrüche wirken nach innen identitätsstiftend, nach außen sollen sie Aufmerksamkeit generieren. Darum, so meint der Wissenschaftler, sollten wir diese Hater links liegen lassen.