Diversität und Pluralität, wie wir sie heute in vielen Teilen Europas kennen, gab es nicht immer. Diese Werte haben sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, auch wenn es um Religion und Glaubensfreiheit geht. Ein Vortrag über die Anfänge der Toleranz der Historikerin Irene Dingel.

Im 16. Jahrhundert fanden in Europa mehrere Religionskriege statt, die Hugenottenkriege zum Beispiel. Katholische Herrscher fühlten sich durch christliche Reformbewegungen bedroht und bekämpften diese teils brutal.

"Dem begegneten Religionsfriedensregelungen, indem sie sich im Grunde über geltendes Recht hinwegsetzten, indem sie denjenigen ein Existenzrecht und beschränkte Duldung ihres Kultus einräumten, die eigentlich als Ketzer hätten verfolgt und unschädlich gemacht werden müssen."
Irene Dingel, Historikerin und Theologin

Um diese Kriege zu beenden und weitere Religionskriege zu verhindern, wurden im Europa der frühen Neuzeit verschiedene Religionsfrieden geschlossen.

Friedensschlüsse bis heute bedeutend

Warum diese Friedensschlüsse für uns bis heute so wichtig sind, erzählt Irene Dingel in ihrem Vortrag. Sie ist Historikerin, Theologin und
Direktorin des Leibniz Instituts für Europäische Geschichte.

"Religionfriedensregelungen waren wichtige Meilensteine auf dem Weg zu konfessioneller und langfristig auch religiöser Toleranz in Europa."
Irene Dingel, Historikerin und Theologin

In den Regelungen zum Religionsfrieden in der frühen Neuzeit finden sich die Anfänge unseres heutigen Verständnisses von Toleranz und Pluralität, argumentiert Irene Dingel. Dabei verkörperten die Friedensregelungen selbst diese Werte noch nicht.

Sie sorgten lediglich dafür, dass andere Konfessionen – neben der katholischen – geduldet und gelitten wurden. Anhänger von christlichen Reformbewegungen wurden nicht mehr als Ketzer verfolgt. In einem gewissen Rahmen wurde ihnen zugestanden, zu leben und ihren Glauben zu praktizieren.

"Alle Religionsfrieden enthielten sich einer Entscheidung über die religiöse Wahrheit. Sie sprachen keiner der Parteien Recht oder Unrecht zu."
Irene Dingel, Kirchenhistorikerin

Dieses Erdulden von christlichen Reformbewegungen wurde vor allem dadurch möglich, dass sich die Religionsfriedensschlüsse grundsätzlich nicht inhaltlich positionierten. Wer in Glaubensfragen Recht oder Unrecht hatte, darüber wurde nicht verhandelt.

Irene Dingel hat den den Festvortrag "Spuren konfessioneller Toleranz - Religionsfriedensregelungen der frühen Neuzeit" am 5. November 2021 im Rahmen der Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz gehalten.