Jugendsprache, Kiezdeutsch, Anglizismen - viele Deutsche sorgen sich um den Verfall ihrer Muttersprache. Dagegen empfehlen Sprachforscher: Relax! Der deutschen Sprache geht es gut, sogar besser als je zuvor. Ein bisschen Relaunch ist normal und hat noch nie geschadet. Im Gegenteil.

Das Deutsche verändert sich ständig durch Einflüsse von außen und Änderungen von innen. Die Veränderungen in der deutschen Sprache sehen der Sprachhistoriker Hans Ulrich Schmid als auch der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering nicht als Verfall, sondern als eine Spracherneuerung.

"Der Magen der deutschen Sprache hat erstaunlich viel verdaut. Und es ist dem Deutschen meistens sehr gut bekommen."
Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler

Ebenso wie es immer Sprachwandel gab, haben sich auch schon immer Sprachkritiker über Veränderungen geäußert, wie Hans Ulrich Schmid an vielen Beispielen erläutert. So wie die Anglizismen heute, wurden etwa auch die Gallizismen - Lehnwörter aus dem Französischen - früher bekämpft. Inzwischen sieht niemand mehr in Wörtern wie "Portemonnaie" oder "Büro" eine Bedrohung der deutschen Sprache.

"Nie war der Wortschatz unserer Sprache so umfangreich und differenziert wie heute."
Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler

Genauso wenig hat heute wohl jemand ernsthaft Probleme damit, dass wir seit der hochdeutschen Lautverschiebung "Apfel" statt "Appel" sagen oder "Pfeffer" statt "Peper". Heinrich Detering nimmt nicht nur interne und externe Einflüsse auf den Wortschatz als Bereicherung war. Wenngleich er auch Nachlässigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache nicht schätzt, so sind für ihn Veränderungen des Sprachsystems doch kein Drama:

"Grammatiken sind keine Bücher, die Gesetze vorschreiben, sondern die Verwendungsweisen beschreiben. Wenn die Verwendungsweisen sich im Gebrauch der Sprachgemeinschaft ändern, dann müssen die Grammatiken umgeschrieben werden, nicht umgekehrt."
Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler

Wie kommt es, dass 65 Prozent der Deutschen glauben, dass das Deutsche droht zu verkommen? Eine Erklärung für diese Sorge liegt möglicherweise darin, dass Sprache eine große Rolle für unsere Identität spielt. Außerdem spiegelt Sprache immer auch Gesellschafts- und Machtverhältnisse wider. Sprachänderungen wurden immer wieder auch mit Sittenverfall in Verbindung gebracht, so Hans Ulrich Schmid. Und die Sorge vor einer Überfremdung des Deutschen sei so alt wie der Nationalgedanke selbst, meint Heinrich Detering. Was aber ist überhaupt "gutes" Deutsch? Hans Ulrich Schmid antwortet ganz pragmatisch: "Gutes Deutsch ist eigentlich situationsadäquates, partnerbezogenes Deutsch."

"Die Sprache des Volkes sprechend"

Diese Ansicht passt letztendlich auch zum Ursprung des Deutschen: Die ältesten Belege für das Wort Deutsch, so Hans Ulrich Schmid, stammen aus dem frühen Mittelalter. Das Wort "thiudisk" bedeutete damals nichts anderes als "die Sprache des Volkes sprechend", und zwar in Abgrenzung zum Lateinischen. Auch das frühe Englische wurde im Übrigen so bezeichnet. Erst im Laufe des Mittelalters habe sich Deutsch als Bezeichnung für eine Sprache entwickelt.

"Sprache und Sprachen: kulturell, politisch, technisch" - das war der Titel des diesjährigen Akademientags der Union der Akademien der Wissenschaften am 18. Mai 2016, in dessen Rahmen Hans Ulrich Schmid, Professor für Historische deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig und Leiter des Forschungsprojekts „Althochdeutsches Wörterbuch" der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, und Heinrich Detering, Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Göttingen und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, über "gutes" Deutsch und den Wandel der Sprache gesprochen haben.