Wer sich nach einem langen Arbeitstag noch etwas Freizeit zurückholen möchte, macht das meistens auf Kosten der Schlafenszeit. Hauptsache man hat das Gefühl, etwas Zeit für sich gehabt zu haben - ein Trugschluss, sagt die Psychologin Laura Klimecki.

Revenge Bedtime Procrastination: Das Phänomen, das aus China stammt, beschreibt die Entscheidung, den Schlaf für mehr Freizeit zu opfern. Bevor wir also früher und unzufrieden ins Bett gehen, entscheiden wir uns dafür, noch ein, zwei Bierchen zu trinken und eine Serie zu schauen - auch mal bis spät in die Nacht hinein.

Wachbleiben aus Trotz

Das Bedürfnis, Freizeit nachholen zu müssen, kennen viele Menschen – entweder, weil sie beispielsweise kleine Kinder haben, die sehr einnehmend sind, oder anstrengende Jobs, die sie bis in die Abendstunden beschäftigen. Und dann ist da ja auch noch die Coronavirus-Pandemie, die das Gefühl von echter Freizeit stark dezimiert hat. Vor allem die Pandemie mache es uns schwer, der Revenge Bedtime Procrastination zu widerstehen, sagt die Psychologin Laura Klimecki.

"Normalerweise hast du doch viel mehr Freizeit in deinen Alltag integriert. Jetzt fällt das alles weg. Corona macht es uns eher schwer, dieser Revenge Bedtime Procrastination zu widerstehen."
Laura Klimecki, Psychologin

So geht es beispielsweise Ina: Früher hat sie es nicht einmal mehr geschafft, den "Tatort" zu Ende zu gucken. Seit Corona hält sie sich abends absichtlich lange wach, um noch mindestens eine Folge einer Serie zu schauen. Sie habe das Gefühl, sie müsse noch etwas aus ihrem Tag herausholen, weil es derzeit so wenig Schönes gebe. Bei ihr sei eine regelrechte Trotzhaltung entstanden.

"Ich mache das wie aus Trotz heraus. Aber es gibt ja eigentlich niemanden, gegen den ich trotzen könnte - außer eben gegen das Coronavirus. Aber ich habe dann so ein Gefühl von: Boah, jetzt erst recht!"
Ina, bleibt abends aus Trotz länger wach

Das Phänomen der Revenge Bedtime Procrastination kommt aus China, aus einem Land mit einer extremen Leistungskultur. Dort wird nicht von Nine-to-Five gearbeitet, sondern von Nine-to-Nine – und das sechs Tage die Woche. Sich diesem System zu widersetzen, Rache auszuüben, darum geht es also ursprünglich. Für die Psychologin Laura Klimecki ist das aber der falsche Ansatz.

Wachbleiben aus Rache – ein problematischer Ansatz

Allein das Wort Rache sei schon problematisch. Denn wenn wir sogar bereit sind, unseren Schlaf zu opfern, um mehr freie Zeit für uns herauszuholen, rächen wir uns eigentlich nur an uns selbst.

"Ich räche mich daran, dass ich gefühlt im Alltag überhaupt gar keine Kontrolle mehr habe, dass ich meine Freizeit nicht bekomme. Ich hole sie mir zurück und bin sogar bereit, meinen eigenen Schlaf dafür zu opfern."
Laura Klimecki, Psychologin

Im Moment des Serien-Schauens, des langen Wachbleibens, fühlt es sich noch gut an, doch eigentlich könnten wir abends gar nicht mehr die Entscheidung treffen, was uns jetzt wirklich gut tun würde, sagt Laura Klimecki.

Je später der Tag, desto unbewusster die Entscheidungen

Die Selbstregulation, also die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen, nimmt nämlich über den Tag ab. Wir können pro Tag 200 Entscheidungen wirklich bewusst treffen, sagt die Psychologin. Abends, wenn wir schon viele Entscheidungen getroffen haben, würden wir eher die leichteren Weg gehen und beispielsweise zu ungesundem Essen greifen oder doch noch eine Serie gucken.

"Wir gehen davon aus, dass ein Mensch pro Tag 200 Entscheidungen wirklich bewusst treffen kann und zwar gute Entscheidungen. Je später der Tag wird, desto mehr Entscheidungen hast du schon längst getroffen."
Laura Klimecki, Psychologin

Am nächsten Morgen bekommen wir dann meist die Quittung dafür, sind nicht nur unausgeschlafen, sondern auch unzufrieden mit uns selbst. Leider hält dieses Gefühl meist nicht bis zum nächsten Abend an – ein Teufelskreis.

Bessere Strukturierung des Alltags

Laura Klimecki empfiehlt deshalb, unseren ganzen Tagesablauf zu ändern, indem wir ihn neu priorisieren. Am besten wäre es, wenn wir es schaffen, uns über den Tag hinweg eine halbe Stunde oder Stunde für uns heruauszunehmen, sagt sie. Dann hätten wir abends nicht mehr das große Bedürfnis, Freizeit nachholen zu müssen.