Massenhafte Wanderungsbewegungen ausländischer Germanen haben das Römische Reich zerstört? Von wegen: Eine neue archäologische Genomanalyse nimmt kleine, siedelnde Gruppen in den Blick. Das Ergebnis stärkt eine andere These.

Rom wurde sprichwörtlich nicht an einem Tag gebaut – und es wurde auch nicht durch die eine große sogenannte Völkerwanderung zu Fall gebracht. Der letzte Teil ist neu, denn bislang werden massenhafte Wanderungsbewegungen als Hauptursache für das Ende des Römischen Reiches angeführt, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Claudia Neumeier.

Genetische Demografie

Die gängige Erzählung geht in etwa so: Germanische Horden fallen aus dem Norden in das schwächelnde Römische Reich ein, destabilisieren und erobern es. Das stimmt so wohl aber nicht, zeigt jetzt die Veröffentlichung "Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce", die im Wesentlichen unter Beteiligung der Universitäten Mainz, Fribourg und Tübingen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature publiziert worden.

"Eine richtige Völkerwanderung hat es wohl nicht gegeben. Kleinere Gruppen zogen, bevor das Weströmische Reich unterging, in den Süden. Da waren sie wohl recht isoliert und heirateten auch eher unter sich."
Claudia Neumeier, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Forschenden haben 250 menschliche Genome aus Fundstellen im heutigen Bayern und Hessen analysiert. Ihre Ergebnisse haben sie mit einem Datensatz von Genomen aus Nord– und Süddeutschland verglichen.

Im Umfeld der Fundstellen verlief die Grenze des Weströmischen Reiches. "Diese Genome stammen aus der Zeit rund um den Untergang des Weströmischen Reiches", erklärt Claudia Neumeier. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass es schon im Römischen Reich Menschen gab, die genetisch aus dem Norden Europas stammten. Vereinfacht gesagt waren die Germanen also bereits da und Teil der Bevölkerung, bevor das Römische Reich unterging.

Integration statt Massenwanderung

Ab 470 nach Christus brachen die staatlichen Strukturen zusammen. Zu der Zeit zog dann auch die römische Bevölkerung aus den Städten und Siedlungen mehr ins Umland. Dort trafen sie auf kleinere Germanengruppen, die ins Römische Reich gewandert waren, und eher als Arbeiter auf dem Land lebten, und bildeten neue Gemeinschaften.

"Das sieht man zum Beispiel daran, dass sie ihre Toten dann auch in gemeinsamen Gräbern bestattet haben", sagt Claudia Neumeier. Die genetische Vermischung von damals, die trügen viele Süddeutsche auch heute noch in sich.

"Es gab also wohl eher eine friedliche Integration der Germanen in die römische Gesellschaft."
Claudia Neumeier, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zur zeitlichen Einordnung der Daten: Sicher ist, dass das weströmische Reich um 470 nach Christus untergegangen ist. Zuvor war das Imperium 395 nach Christus in ost- und weströmisches Reich geteilt worden. Das oströmische Reich hatte als Byzantinisches Reich noch einige Jahrhunderte länger Bestand als das Weströmische.

Unser Bild zeigt eine Reproduktion des Ölbilds "The Course of Empire: Destruction". Der amerikanische Maler Thomas Cole stellte sein Gemälde 1836 fertig. Heute befindet es sich in Besitz der New York Historical Society.

Shownotes
Römisches Reich
Integration statt Völkerwanderung
vom 30. April 2026
Moderation: 
Marcel Bohn
Gesprächspartnerin: 
Claudia Neumeier, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin