Einen Angriff durch Russland hält die Osteuropa-Expertin Gwendolyn Sasse für immer wahrscheinlicher. Dabei hätte Putin bisher das erreicht, was er eigentlich verhindern wollte.

Ein geplantes Gespräch zwischen Wladimir Putin und US-Präsident Joe Biden wird als mögliches Entspannungs-Signal im Russland-Nato-Konflikt gesehen. Gwendolyn Sasse, wissenschaftliche Direktorin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin, hält das Treffen zumindest für ein Signal dafür, dass die Diplomatie weitergeht.

"Das Treffen ist zumindest ein kleines gutes Zeichen, dass es mit der Krisendiplomatie weitergehen wird."
Gwendolyn Sasse, wissenschaftliche Direktorin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin

Zudem geht sie davon aus, dass zumindest bis Donnerstag kein größerer Angriff auf die Ukraine erfolgen werde. Denn dann treffen sich der US-Außenminister Anthony Blinken und sein russischer Kollege Sergei Lawrow.

Insgesamt aber hält Sasse einen russischen Angriff aber für immer wahrscheinlicher: "Ein wirklich großer Angriff auf die Ukraine ist nun eine Möglichkeit, die man vorher vielleicht erst etwas klein geredet hatte."

Klare Signale auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz

Die Lage sei auch für sie als Expertin so schwer einzuschätzen, weil die Entwicklung des Konflikts von einem einzigen Mann, Wladimir Putin, abhänge, so Sasse. "Man weiß, dass die russische Armee wirklich zu einem großen Angriff bereit ist", erklärt sie. "Die Entscheidung trifft Putin." Das Problem dabei sei, dass man die Gedanken von Putin nicht lesen könne. "Man kann nicht in den Kopf von Putin schauen."

Auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende war der Konflikt das dominierende Thema, so Sasse, die selbst vor Ort war. Zum ersten Mal seit 1990 war kein offizieller russischer Vertreter dabei.

Für die Osteuropa-Expertin ist auch das ein Zeichen an den Westen. "Das sendet ein klares Signal. Man will sich jetzt auf der Bühne nicht noch einmal mit dem Westen auseinandersetzen", sagt sie.

"Die Krise hat eigentlich das bewirkt, was Putin immer verhindern wollte. Er will nicht mit der EU als Ganzem sprechen, sondern nur mit einzelnen Ländern."
Gwendolyn Sasse, wissenschaftliche Direktorin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin

Deshalb sei die Konferenz zu einer Veranstaltung geworden, bei der man sich innerhalb der Nato, der EU und auch im transatlantischen Schulterschluss versichert habe, wie einig und geschlossen man dastehe, so Gwendolyn Sasse.

"Die Worte dieser Einigkeit hat es in den letzten Jahren so nicht gegeben", sagt die Osteuropa-Expertin. Sie meint, dass damit genau das passiert sei, was Putin eigentlich habe verhindern wollen: Einigkeit statt Spaltung. Ob das allerdings ausreicht, um Putin zu überzeugen, nicht anzugreifen - da ist sich Gwendolyn Sasse nicht sicher.