Das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei bleibt zerrüttet. Und dabei ist schwer zu unterscheiden, was echte Empörung und was Show ist.

"Das werden sie noch bereuen" - Russlands Präsident Putin ist zurzeit überhaupt nicht gut auf die Türkei zu sprechen. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets greift er die Türkei fast jeden Tag aufs Neue verbal an. Jetzt wurde auch das Energieprojekt Turkish Stream von russischer Seite gestoppt. Dabei sagt die Nato mittlerweile, dass sich die Türkei korrekt verhalten habe.

Chirurgisch perfekt geplante Luftschläge

Warum Putin trotzdem nicht locker lässt? Es liegt an der russischen Innenpolitik, sagt Felix Hett von der Friedrich Ebert Stiftung. Und vor allem liegt es daran, wie die russische Regierung den Einsatz in Syrien medial verkauft. Wer russisches Fernsehen schaue, habe manchmal den Eindruck, Russland spiele den ersten Golfkrieg von vor zwanzig Jahren nach. Es sind Bilder einer High-Tech-Operation mit chirurgisch perfekt geplanten Luftschlägen. Und Fehler oder gar der Verlust russischer Soldaten kämen in dieser Inszenierung nicht vor. Für Felix Hett ist klar: Bilder von russischen Soldaten, die in Särgen aus Syrien zurückkehren, würden die gesellschaftliche Unterstützung für die Einsätze gefährden. Und so steht für die russischen Medien jetzt schon fest: Es kann nicht sein, dass sich ein russischer Pilot verflogen hat.

"Der Abschuss war - zumindest in der Darstellung in Russland - kein Unglück oder Fehler, sondern nur möglich durch den heimtückischen Verrat durch die Türken."
Felix Hett, Referent bei der Friedrich Ebert Stiftung

Es sei offensichtlich, dass es unterschiedliche Vorstellungen in Ankara und Moskau über die Zukunft Syriens gebe, sagt Felix Hett. Und diese Differenzen seien bei dem Abschuss an einem kleinen Punkt militärisch ausgetragen worden. Zwischen der Atommacht Russland und einem Mitglied der Nato - was die Lage besonders brisant mache. Felix Hett ruft dazu auf, den Konflikt nicht zu personalisieren. Weil wir alle nicht wüssten, was im russischen oder türkischen Staatschef vorgeht. Die Lage müsse sich beruhigen und dann könnten die beiden Parteien hinter den Kulissen wieder miteinander reden. Und dafür sorgen, dass solche Vorfälle in Zukunft vermieden werden. Durch bessere Abstimmung und, indem beide Seiten Informationen austauschen. Und falls das zwischen Russland und der Türkei nicht möglich sein sollte, funktioniere es vielleicht zwischen Russland und der Nato. Denn genau das sei ein ganz wichtiges Ziel des russischen Engagements in Syrien: Das Land will wieder als gleichwertiger Partner auf Augenhöhe mit den USA wahrgenommen werden, erklärt Felix Hett.

Und dann empfiehlt der Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung noch, sich Putins martialische Reden genau anzuhören: Der russische Präsident habe nämlich auch gesagt, die russische Reaktion werde zurückhaltend ausfallen. Das Land sei sich seiner Verantwortung also bewusst.

"Meine Hoffnung ist, dass man es bei allen martialischen Äußerungen auch von Leuten aus der zweiten und dritten Reihe, insgesamt mit rational handelnden Akteuren zu tun hat - und das deswegen die Situation nicht weiter eskaliert."
Felix Hett, Referent bei der Friedrich Ebert Stiftung