Die einen finden's herrlich, andere widerlich. Fest steht: Alle reden über Böhmermann, Erdogan und das Schmähgedicht. Wir haben unterschiedliche Meinungen eingefangen, in Deutschland und in der Türkei.

Wird es ernst? Die türkische Staatsanwaltschaft fordert ein Strafverfahren gegen Jan Böhmermann. Die Bundesregierung will in den nächsten Tagen prüfen, ob sie darauf eingeht, sagte der Regierungssprecher Steffen Seibert heute. Gleichzeitig betonte er aber die Verpflichtung an das deutsche Grundgesetz.

"Artikel 5 Grundgesetz, die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Wissenschaft ist für die Bundeskanzlerin selbstverständlich höchstes Gut und weder nach innen oder nach außen verhandelbar."
Steffen Seibert, Regierungssprecher

Es gibt Kritik an Böhmermann, genauso wie Zuspruch für ihn. Kern der Diskussion ist immer wieder: Zählt der tatsächlich plump beleidigende Inhalt des Schmähgedichts oder gilt seine Veröffentlichung als satirisches Gesamtkunstwerk? Für den Journalisten Hajo Schumacher bleibt der Inhalt einfach geschmacklos.

"Es war eine Aneinanderreihung von rassistischen Stereotypen - nicht nur über Erdogan, sondern über Türken und Araber, die einfach nur extrem geschmacklos waren. Insofern bekommt er jetzt das, was er provoziert hat."
Hajo Schumacher, Journalist

Springer-Chef Mathias Döpfner äußerte sich in einem offenen Brief an Jan Böhmermann. Und erklärte die Diskussion um die Geschmacklosigkeit des Gedichts im Prinzip für nichtig: "Sie wollten […] durch Maximalprovokation die Leute verstören, um sie darüber nachdenken zu lassen, wie eine Gesellschaft mit Satire und - noch viel wichtiger - mit der Satire-Intoleranz von Nichtdemokraten umgeht. Ein Kunstwerk. Wie jede große Satire."

Hands off Böhmermann

Mit Satire, genauso wie mit Strafprozessen kennt sich Tim Wolff aus, Chefredakteur der Titanic. Er findet die Diskussion und ein mögliches Strafverfahren ganz wunderbar. Denn sie zeigt, Satire kann doch was bewegen - so richtig - und verunsichern und das soll sie auch.

"Ich hätte gerne, dass Jan Böhmermann in den Knast geht, dann hätten wir hier weniger Konkurrenz und die Satire an sich einen schönen Aufreger."
Tim Wolff, Titanic Magazin

Kabarettist Dieter Hallervorden veröffentlichte direkt ein eigenes Lied, mit dem recht unmissverständlichen Titel "Erdoğan, zeig mich an". Aktuell fordert eine Petition, die es innerhalb eines Tages auf 80.000 Stimmen brachte, kein Strafverfahren einzuleiten. Auch der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, der im Mittelpunkt der Mittelfinger-Debatte rund um den #varoufake stand, positionierte sich.

Und natürlich schalteten sich jene ein, mit denen Böhmermann schon länger Beef hat: Etwa Bushido oder Lukas Podolski. Mit dem Fußballer hatte er einmal eine rechtliche Auseinandersetzung über die Persiflage "Lukas Tagebuch".

Schwierig bleibt eine solche Einflussnahme, da sie mit staatlichen Interessen in Verbindung gebracht wird: wie etwa die Lösung der Flüchtlingskrise. Die Grünen-Chefin Simone Peter sagt: "Es kann nicht sein, dass ein Staatspräsident Einfluss von außerhalb auf das nimmt, was wir hier als Satire bieten." Auch Katja Kipping, Vorsitzende von DIE LINKE positioniert sich klar dagegen: Es sei das falsche Zeichen, auch für alle, die in der Türkei für Demokratie kämpfen, wenn sich Regierungen so beeinflussen ließen.

"Wir können doch nicht, nur weil in einem Land Presse- und Freiheit offenbar nichts gilt, anfangen, das hier zu kopieren."
Katja Kipping, Vorsitzende der Linken

In der Türkei selbst wird das Thema nicht mehr so hochgekocht, sagt Türkei-Korrespondent Thomas Bormann. Im Gegensatz zum Extra3-Song über "Erdowo, Erdowie, Erdowahn" kam der Witz des Schmähgedichts bei türkischen Regierungskritikern nicht unbedingt an. Selbst, wenn die Karikaturisten auch in der Türkei Grenzen austesten.

Thomas Bormann, Korrespondent in Istanbul
"Das Gedicht darf hier natürlich niemand zitieren. Denn das wäre Präsidentenbeleidigung und das geht gar nicht."

Bis auf kleinere Ausnahmen hält Jan Böhmermann selbst sich von Talkshows oder öffentlichen Statements fern. Auch die Produktionsfirma seines Neo-Magazin-Royals hält sich zurück. Medienberater Jo Gröbel sagt, das sei die richtige Taktik, nicht in die Dynamik einzugreifen.

"Was Böhmermann hervorragend gemacht hat, ist sich nicht als Helden für die Pressefreiheit zu inszenieren, sondern sich sehr zurückhaltend zu verhalten. Wie er damit umgeht: bon honneur!"
Jo Gröbel, Medienpsychologe