Musikspiele kennen wir: Games wie Rockband, Dance Dance Revolution oder Guitar Hero erleben immer wieder einen Hype. Da liegt die Idee eigentlich recht nahe, nicht nur einzelne Lieder, sondern komplette Musikalben oder gar ganze Konzerte als Game spielbar zu machen. Deutschlandfunk-Nova-Games-Expertin Jana Reinhardt stellt uns aktuelle und frühe Musikgames vor und wirft einen Blick in die Zukunft interaktiver Musikanwendungen.

Unsere Games-Expertin Jana Reinhardt ist ein Fan von Spiele-Soundtracks. Wenn Musik nur Hintergrund und Untermalung ist, findet sie das schade. Selten geht es darum, wirklich die Musik interaktiv zu erleben, meint sie, außer vielleicht durch Musik- und Rhythmusspiele. Und deshalb stellt sie uns ein Spiel vor, bei dem die Musik eine Hauptrolle spielt: "Sayonara Wild Hearts" von dem schwedischen Entwicklerteam Simogo.

Sayonara Wild Hearts: Ein komplettes Pop-Album als Game

Sayonara Wild Hearts ist ein komplettes Pop-Musik-Album, erklärt Jana. Jeder Song darauf ist ein eigenes Level, das wir passend zur Musik durchspielen und erleben können. Es gibt eine Story, um die drehen sich alle Lieder – ähnlich wie auf einem Konzeptalbum.

"Eine junge Frau kämpft nach einer Trennung mit dem Schmerz. Die Zukunft, die sie sich erträumt hat, existiert nicht mehr. Sie hat das Gefühl verrückt zu werden, fühlt sich allein gelassen, in einer kalten Stadt und hat niemanden mehr, der sie versteht. Also Songs voller Herzschmerz."
Gamesexpertin Jana Reinhardt über die Songs im Game "Sayonara Wild Hearts"

Die Themen: Trennung und viel viel Liebeskummer. Und trotzdem ist das Spiel nicht traurig-düster, sondern ein irres, surreales, knallbuntes Game, erzählt Jana. Wir schlüpfen in die Rolle der Heldin, die Motorradrennen gegen andere Motorradgangs von Herzensbrechern fährt. Dabei müssen wir möglichst viele Herzen auf dem Weg sammeln.

"Ich finde es auch großartig, wie das Game so auf die Musik getaktet ist. Ich mag die Idee, dass wir die Geschichte über Trennung in verschiedenen echt abgefahrenen Levels nachspielen, in diesen stylischen, surrealen Musikvideos."
Deutschlandfunk-Nova-Gamesexpertin Jana Reinhardt übr "Sayonara Wild Hearts"

Die Musik beeinflussen können wir dabei nicht, bedauert Jana. Man wird als Spieler eher zum Teil der Visuals – wie in einem Musikvideo. Das Spiel ist nach der Musik gebaut, die Musik verändert sich nicht durch das Spiel. Aber dass das Game so viele Songs mit Lyrics hat, was untypisch ist, das freut Jana. Das Spiel ist auf jeden Fall etwas für Spieler, die diese Art Elektro-Pop mögen, meint sie.

David Bowie, Beck & Co - Die Fusion aus Musik und Games gab es schon früher

Popmusik und Games, das gab es auch schon in der Vergangenheit ab und an. Vielleicht eines der ältesten und prominentesten Beispiele dafür ist das Spiel "Omikron: The Nomad Soul", berichtet Jana. Kein geringerer als David Bowie hat dafür den Soundtrack gemacht.

Das Game ist vor ziemlich genau 20 Jahren erschienen und ein futuristisches Actionspiel, in dem wir als Polizist Kay’l eine Verschwörung aufdecken. Und David Bowie verkörpert in dem Spiel sogar selbst zwei Charaktere.

Screenhot aus dem Spiel "Omikron: The Nomad Soul" von Quantic Dream mit David Bowie als Charakter
© Screenhot: "Omikron: The Nomad Soul" von Quantic Dream
David Bowie in "Omikron: The Nomad Soul"

Und noch andere Musikgrößen haben sich in Games verewigt: Beck zum Beispiel in dem Spiel "Sound Shapes", dass “Sayonara Wild Hearts” sehr ähnlich ist: Jeder Song ist ein Jump’n’Run-Level, wobei jeder Bestandteil des Musikstücks im Level präsent ist. Und was Jana besonders cool findet: Die Spieler können sich eigene Level bauen und damit auch eigene Musik schreiben.

Zur Perfektion gebracht hat die Fusion aus Pop und Game allerdings Björk, findet unsere Games-Expertin, als sie vor sieben Jahren das interaktive Album Biophilia herausgebracht hat, begleitet von einer interaktiven App für das iPad – die erste App übrigens, die sogar das Museum of Modern Art erworben hat.

"Björk und die Entwickler haben wirklich verstanden, was es für ein interaktives Medium wie Games oder diese App bedeutet, Musik zu machen und auch Nutzern die Möglichkeit der Manipulation an Björks Werk zu erlauben."
Gamesexpertin Jana Reinhardt über die App zum Björk-Album Biophilia

Die App macht Björks Songs transparenter und zugänglicher, findet Jana und damit auch den Kompositionsprozess selbst. Viele Künstler, Designer und Musiker hat das inspiriert, ähnliche interaktive Apps zu produzieren. Inzwischen gibt es einige DJing Tools ähnlich zu Björks App.

Die Zukunft von Musikgames: VR

Die Zukunft interaktiver Musik könnte vor allem im VR-Bereich liegen. Viele Konzepte dafür stammen aus Computerspielen, sind aber durch die Virtuelle Realität noch intensiver, erklärt Jana. Wie etwa im Spiel "Beat Saber": mit einem roten und einem blauen Lichtschwert zerschlagen wir Blöcke, die passend zum Beat auf uns zugeflogen kommen. Als Spieler muss man dabei seinen ganzen Körper einsetzen, sich ducken oder trommeln zum Beispiel, und am Ende auch tanzen.

"Für Musiker sind Innovationen zwar immer ein guter Marketing-Boost, aber oft auch nichts Langlebiges - und das für meist sechsstellige Produktionskosten."
Jana Reinhardt, deutschlandfunk-Nova-Gamesexpertin

Im Interview stellt Jana Reinhardt noch viele weitere Spiele und Apps vor – von 360°-Musikvideos bis hin zu ganzen Konzerten. Und sie erklärt, warum solche Experimente noch immer Nischenphänomene sind und wo sie sich hin entwickeln könnten. Um das ganze Gespräch zu hören, klickt einfach oben auf den Playbutton.