Das "Great 78 Project" ist ein Archiv, das über Hundert Jahre alte Schallplatten digitalisiert und archiviert. User sollten Zeit mitbringen, um sich durch das Archiv zu klicken. Dabei können sie auf alte Schätze treffen und Spaß macht es auch, findet Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anke van de Weyer. Knistern inklusive.

Fans von Schallplatten kann man oft an den vollgepackten und ordentlich sortierten Plattenregalen erkennen, die ihre Wohnzimmer zieren. Dann haben sie sich mit ihren Sammelstücken ein eigenes Archiv erstellt. Haben sie eine Platte, die ein paar Jahrzehnte alt ist – viellicht sogar eine Originalpressung – ist das schon was besonderes.

Great 78 Project als "Zeitmaschine für Millennials"

Platten aus den Jahren vor 1960 oder sogar aus den 1880er-Jahren werden in den meisten heimischen Plattenregalen wahrscheinlich nicht stehen. Online gibt es die aber schon: Das "Great 78 Project" digitalisiert und archiviert alte Schellackplatten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Über 270.000 Titel umfasst das Projekt auf archive.org momentan. Ungefähr doppelt so viele Songs sollen es insgesamt einmal werden, wenn es nach den Köpfen der Sammlung geht, der Non-Profit-Organisation Internet Archive und dem New Yorker Archive of Contemporary Music (ARC). Sie bieten die Sammlung kostenlos an.

Das Archiv ist wie ein Zeitmaschine für Millennials, die sich für andere Kulturen interessieren, so nennt es Rick Prelinger, Professor an der University of California und selbst Archivar. Auch Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anke van de Weyer hat diese Zeitmaschine ausprobiert – und hat sich dann stundenlang von einem Song zum nächsten geklickt.

"Welche Relevanz das für mich haben soll, hab ich mich am Anfang auch gefragt. Bis ich aus Versehen zwei Stunden lang in dem Archiv versunken bin und mich von Platte zu Platte geklickt habe, mit einer Mischung aus Faszination und Entdeckungsgeist."
Anke van de Weyer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Dabei hat sie von hawaiianischer über jiddische Musik zu alten Folkstücken viele unbekannte Songs entdeckt. Auf ein paar alte Klassiker ist Anke in der Internetbibliothek aber auch gestoßen wie "I've Got A Woman" von Ray Charles aus dem Jahr 1954 oder Little Willie Johns Lied "Fever" von 1956. Beides Songs, die uns heute als Sample oder Cover begegnen. In seinem Lied "Gold Digger" hat Kanye West zum Beispiel Ausschnitte aus "I've Got A Woman" benutzt und "Fever" kennen viele in der 2003er-Version von Beyoncé.

Great 78 Project: Von Klassikern zur Nische

Um im Archiv auf Klassiker wie diese zu stoßen, brauchen Nutzerinnen allerdings etwas Zeit für die Suche. Ankes Tipp: Die Suche über Schlagwörter eingrenzen. Geben Nutzerinnen zum Beispiel "Christmas" ein, zeigt ihnen die Sammlung über 2700 Ergebnisse an. Darunter etwa "Jingle Bells" auf Dänisch.

Möchten User einen konkreten Song im Archiv finden, kann der im Glücksfall unter den über 270.000 Titeln dabei sein. Die Sammlung konzentriert sich eigentlich aber auf Platten und Songs, die in vielen anderen Archiven nicht zu finden sind. Weil sie eine bestimmte Nische bedienen und deswegen die breite Masse weniger ansprechen.

"Gerade diese Sachen zu entdecken, macht besonders viel Spaß. Wo sonst würde man zufällig über ein gejodeltes englisches Lied von 1937 stolpern?"
Anke van de Weyer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zudem sollten sich Entdeckerinnen und Entdecker darauf einstellen, dass die Qualität der Audios ziemlich unterschiedlich ist. Bei manchen Platten ist das Knistern so laut, dass die Musik kaum zu verstehen ist. Das Projekt möchte die Platten nämlich so digital archivieren wie sie sind, statt die Aufnahme in einer perfekten Qualität zu sichern.