Alle paar Jahre wird einem Tag eine Extra-Sekunde hinzugefügt, um die Zeit mit der tatsächlichen Erdrotation zu synchronisieren. Die vier größten westlichen Tech-Konzerne wollen sie nun abschaffen.

Ein Tag ist so lang wie die Erde braucht, sich einmal um sich selbst zu drehen. Das dauert ziemlich genau 86.400 Sekunden. Allerdings eben nur ziemlich genau.

Der Hintergrund: Die Umdrehungsdauer der Erde ist nicht ganz konstant, bisher betrug sie etwas mehr als 86.400 Sekunden. Auf Dauer würde das bedeuten: Die Zeit, die die Uhr anzeigt, stimmt nicht mehr zu 100 Prozent mit dem astronomischen Tagesverlauf überein, also mit dem Sonnenauf- und untergang.

Deshalb gibt es die sogenannte Schaltsekunde. Sie wird immer bei Bedarf der Uhrzeit hinzugefügt, um Zeit und Erdumdrehung synchron zu halten. Das letzte Mal war das im Jahr 2016 der Fall. Der 31. Dezember 2016 war also nicht 86.400 Sekunden lang, sondern 86.401 Sekunden. Auf die Uhrzeit "23:59:59" folgte die Uhrzeit "23:59:60". Erst danach wechselte die Uhr auf "00:00:00".

Seit dem Jahr 2000 wurden der Uhrzeit insgesamt fünf Schaltsekunden hinzugefügt.

Probleme für Webdienste und Server

Nun fordern die Tech-Konzerne Google, Microsoft, Meta und Amazon, die Schaltsekunde abzuschaffen. Die Kampagne wird von den US-amerikanischen und französischen Standardisierungsbehörden National Institute of Standards and Technology sowie Bureau International des Poids et Mesures unterstützt.
Die Begründung: Die Schaltsekunde spielt in der alltäglichen Praxis kaum eine Rolle. Andererseits macht sie Probleme. Denn:

In praktisch jeder Software und damit jedem Computer wird die Zeit als Zahl umgesetzt, die kontinuierlich hochgezählt wird. Dass das weder regelmäßig noch planbar plötzlich einmal anders ist (weil sich nicht vorhersagen lässt, wie viel langsamer oder auch schneller die Erde sich dreht), streikt so manche Software, wenn eine Schaltsekunde festgelegt wird. Verantwortlich dafür ist der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme, dessen Zentralstelle beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie in Frankfurt am Main angesiedelt ist.

Solche Software-Fehler, verursacht durch die Schaltsekunde, können dazu führen, dass Internetserver ausfallen, Onlinedienste und Webseiten nicht mehr zu erreichen sind.

"Am Neujahrstag 2017 hat es die Software eines großen Internetdienstleisters getroffen. Internetserver konnten sich nicht mehr erreichen und Dienste und Webseiten fielen aus."
Michael Gessat, Deutschlandfunk Nova

Prinzipiell sind die Software-Probleme lösbar, allerdings erscheint der Aufwand aus Sicht der Tech-Konzerne zu hoch. Der Facebook-Betreiber Meta argumentiert zudem: Falls sich die Erde einmal relevant schneller statt langsamer drehen sollte, müsste nach der alten Logik eine negative Schaltsekunde festgelegt werden. Ein Meta-Mitarbeiter schreibt: "The impact of a negative leap second has never been tested on a large scale; it could have a devastating effect on the software relying on timers or schedulers."

Internationale Atomzeit schon immer ohne Schaltsekunde

Tatsächlich richten sich viele Systeme auf der ganzen Welt schon heute nach der Internationalen Atomzeit – und die kommt ohne die Schaltsekunde aus. Die Atomzeit wird von mehreren Atomuhren auf der ganzen Welt sozusagen erzeugt. Die Zeit basiert hier nicht auf einer tatsächlichen Erdrotation, sondern auf einer bestimmten Anzahl von Aktivitäten in Atomen.

Die Uhrzeit, bei der die Schaltsekunden berücksichtigt ist, heißt Koordinierte Weltzeit. Diese Zeit spielt für die alltägliche Uhrzeit die größte Rolle. Das Grundprinzip: Die im Alltag verwendete Zeit soll möglichst synchron mit dem tatsächlichen Tagesverlauf sein.

Schöne Tradition

Würde die Schaltsekunde nun abgeschafft, könnte die Koordinierte Weltzeit in einigen Jahren dem tatsächlichen Sonnenstand ein paar Sekunden vorauseilen oder hinterher sein. Für die meisten Menschen hätte das im Alltag wohl kaum eine Bedeutung.

Ein Argument pro Schaltsekunde lautet: Computersysteme könnten so angepasst werden, dass sie mit der Schaltsekunde umgehen können. Oder man koppelt sie an die Internationale Atomzeit, die heute schon ohne Schaltsekunde auskommt. Es gebe schließlich die Jahrtausende alte Tradition, die Zeit an der Erdrotation auszurichten. Diese müsse man nicht aufgeben, weil es ein paar technische Hürden gibt.

Schon im Jahr 2003 wurde über die Abschaffung der Schaltsekunde debattiert. Die Entscheidung darüber ist allerdings immer wieder verschoben worden.