Wenn es wehtut, hat jeder so seine Methoden, sich vom Schmerz abzulenken. Manche denken an etwas Schönes, andere reden sich ein, dass es doch gar nicht so weh tut. Forschende sagen: Die beste Ablenkung ist Rückwärtszählen.

Um herauszufinden, welche Ablenkungsmethode bei Schmerzen am besten hilft, hat ein Forschungsteam bei 16 gesunden Frauen und vier gesunden Männern drei verschiedene Ablenkungsmanöver angewendet, nachdem ihnen ein Kälteschmerz an der Hand zugefügt wurde. Solch kleine Gruppen an Teilnehmenden reichen bei Studien aus, bei denen derartig grundlegende Funktionen des Hirns erforscht werden, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Inga Gebauer.

Dabei fand das Forschungsteam heraus, dass die Ablenkung durch anspruchsvolles Rückwärtszählen am besten funktioniert hat. Die Ergebnisse haben die Forschenden im Magazine Elife veröffentlicht.

Schmerz kann beeinflusst werden

Nach einem ersten Durchlauf, bei dem die Probanden den Schmerz bewerten sollten, folgten drei Durchläufe mit Ablenkungsmanövern. Neben der Aufgabe von der Zahl 1000 in Siebener-Schritten rückwärts zu zählen, sollten sich die Probanden bei einem dritten Durchgang einen schönen Ort mit netten Menschen und einer tollen Atmosphäre vorstellen. In einem vierten Durchlauf sollten sie sich einreden, dass es gar nicht so schmerzhaft sei.

Die Auswahl der Ablenkungsmanöver trafen die Forschenden so, da bereits aus früheren Forschungen bekannt ist, dass Denkprozesse wie das Lösen von Aufgaben, emotionale Faktoren und die Erwartung und Einstellung zum Schmerz einen Einfluss auf das Schmerzempfinden haben können.

"Man weiß aus früherer Forschung schon, dass sowohl kognitive Denkprozesse als auch emotionale Faktoren, aber auch Erwartungen und Einstellungen zum Schmerz einen Einfluss auf das Schmerzempfinden haben."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Nach den Durchgängen wurden die einzelnen Ablenkungsmethoden von den Probanden bewertet. Es stellte sich heraus, dass zwar bei allen drei Methoden der Schmerz abgenommen hatte, beim Rückwärtszählen aber am deutlichsten zurück gegangen ist. Auf einer Skala von Null bis 100 wurde die empfundene Schmerzintensität im Durchschnitt um 20 Punkte verringert.

Die Vermutung der Forschenden dazu: Beim Zählen müsse man sich besonders stark konzentrieren und deshalb könne der Schmerz stärker in den Hintergrund treten als bei Vorstellungsaufgaben.

Je mehr aktive Hirnregionen, desto kleiner der Schmerz

Um das genauer herauszufinden, haben die Forschenden in jedem Versuchsdurchgang die Hirnaktivität in 360 unterschiedlichen Hirnregionen gemessen. Jedes Ablenkungsmanöver ergab dort ein eigenes Muster. Dabei fanden die Forschenden auch heraus, dass das Schmerz-Verdrängen besser funktioniert hatte, wenn mehr Hirnregionen an der jeweiligen Aufgabe beteiligt waren.

"Je mehr Hirnregionen an der jeweiligen Denkstrategie beteiligt sind, desto besser funktioniert das Schmerz-Verdrängen."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Bei den Rechenaufgaben waren dementsprechend die meisten Hirnregionen aktiviert:

  • Bestimmte Areale in der rechten Gehirnhälfte waren aktiv, denn diese sind für mathematisches Wissen und das Lösen von klaren Aufgabenstellungen verantwortlich.
  • Die Bereiche, die visuelle Reize verarbeiten, waren aktiviert, da sich die Probanden die Zahlen bildlich vorgestellt hatten.
  • Hirnregionen, die somatische Reize, also auch Schmerzen verarbeiten, waren ebenfalls beteiligt.
  • Die überdurchschnittlich intensive Zusammenarbeit zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte, die durch das Rückwärtszählen angeregt wurde, hat laut den Forschenden den Schmerz am effektivsten verdrängt.

Rückwärtszählen braucht weniger Denk-Kontrolle

Bei der Vorstellungsaufgabe waren dagegen vor allem der Stirnlappen aktiv. Dieser steuert unter anderem unsere bewussten Handlungen, also einerseits Muskelbewegungen und andererseits auch Denkprozesse. Die Forschenden schließen daraus, dass für die Vorstellungsaufgabe mehr Denk-Kontrolle nötig war.

Beispielsweise mussten die Probanden in ihrer Erinnerung erstmal nach einem Bild von einem idealen und schönen Ort suchen. Das habe womöglich zu viel Zeit und Disziplin gekostet, weshalb die Gedanken auch schneller abschweifen konnten als bei einer konkreten Aufgabe wie dem Rückwärtszählen.

Erkenntnisse für chronische Schmerzlinderung

Das Forscherteam möchte diese Ergebnisse nutzen und herausfinden, ob sie auch bei Menschen mit chronischen Schmerzen für Linderung sorgen können. Eine Probandin der Studie hat zumindest erzählt, dass sie die Methode des Rückwärtszählen einsetzen konnte, als sie in den Wehen lag.