Angeblich ist die Ukraine im Besitz schmutziger Bomben. Indizien oder gar Beweise, die diese Behauptung stützen, gibt es nicht.

Russland behauptet, dass die Ukraine eine sogenannte schmutzige Bombe baut oder schon gebaut hat. Die Ukraine hat darauf hin die Internationale Atomenergiebehörde (International Atomic Energy Agency, IAEA) gebeten, im Land zu prüfen, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Besser gesagt geht es der Ukraine darum, sich von einer externen Organisation bestätigen zu lassen, dass die Ukraine eine solche Waffe nicht baut.

"Der Unterschied zu einer Atombombe – das ist die Parallele, die meist gezogen wird – ist, dass es nicht um die Explosionsgewalt geht, die durch eine Kernschmelze entsteht. Es wird auf die Strahlenwirkung gesetzt und die Angst, die dadurch entsteht."
Christian Mölling, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

Die schmutzige Bombe wird oft mit einer Atombombe gleichgesetzt, obwohl es große Unterschiede gibt. Denn die schmutzige Bombe enthält kein nukleares Sprengmaterial, es findet keine Kernspaltung statt. Sie besteht vielmehr aus herkömmlichen Sprengstoff, wird aber mit radioaktivem Material bestückt.

Die Wirkung einer solchen Waffe wird auch psychologisch erzeugt, sagt Christian Mölling, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Leiter des Programms Sicherheit und Verteidigung. Die Waffe erzeuge die Angst, radioaktiv verstrahlt zu werden.

"Keinerlei Indizien"

Russland hat es einerseits der Ukraine schwierig gemacht. Denn nachzuweisen, dass etwas nicht existiert, ist kaum möglich. Andererseits hat Russland auf zwei bestimmte Orte verwiesen, an denen sich schmutzige Bomben angeblich befinden sollen. Die Internationale Atomenergiebehörde könnte nun also klarstellen: An diesen zwei Orten gibt es keine Waffen.

"Da wir bislang überhaupt keine Belege oder Indizien haben, dass es so etwas gibt, kann man sich jetzt schon relativ sicher sein, was das Ergebnis sein wird: Dass solche Waffen nicht da sind", sagt Christian Mölling.

Update 4. November 2022

Nachdem die IAEA mehrere Tage lang drei Einrichtungen auf Einladung der ukrainischen Regierung untersucht hat, hat der Chef der Behörde, Rafael Grossi, verlauten lassen, dass es keine Indizien dafür gebe, dass die Ukraine an einer schmutzigen Bombe arbeite.

Zu den untersuchten Einrichtungen zählt ein Kernforschungsinstitut in Kiew, eine Bergbauanlage und eine Fabrik in einem anderen Landesteil.

Einige Europäische Länder und die Ukraine vermuten, dass hinter den Vorwürfen Russlands der Wunsch stecke, selbst eine schmutzige Bombe oder taktische Atomwaffen einsetzen zu können.

  • Moderation:  Thilo Jahn
  • Gesprächspartner:  Christian Mölling, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin