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Am 18. Januar 1871 wird in Versailles der Preußenkönig Wilhelm zum Kaiser eines neuen, vereinten deutschen Reiches proklamiert. Das Zweite Deutsche Kaiserreich beschert den Deutschen eine verhältnismäßig lange Friedensphase, ist aber auch von Widersprüchen geprägt.

Der Spiegelsaal ist unbeheizt an jenem 18. Januar 1871, als der preußische König Wilhelm I. den Raum betritt und mit ernster, fast trauriger Miene an den provisorisch aufgestellten Altar tritt. Otto von Bismarck, Preußens Ministerpräsident und designierter Kanzler des neuen Reichs, verliest einen Text, dass Preußens König zum Kaiser des zweiten deutschen Kaiserreichs proklamiert werde.

"Wir übernehmen die kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reichs und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu vertheidigen."
Otto von Bismarck verliest die von Wilhelm I. verfasste Kaiserproklamation

Im Jahr 800 war Karl der Große von Papst Leo III. zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt worden. Und nun, genau 170 Jahre nach der Gründung Preußens, tritt Wilhelms Schwiegersohn Friedrich I., Großherzog von Baden, vor und ruft mit lauter Stimme in den Saal: "Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche! Er lebe hoch!"

Damit wurde – relativ unspektakulär – der deutsche Kaiser ausgerufen. Aber Wilhelm ist zerknirscht, denn er hat den Titel "Kaiser von Deutschland" für sich beansprucht, um dadurch seinen Macht- und Weisungsanspruch gegenüber den übrigen deutschen Fürsten und Könige zu untermauern. So aber empfindet sich "Kaiser Wilhelm" eher als Präsident und nicht als von Gottes Gnade eingesetzter Kaiser.

"Das war eigentlich eine relativ kurze, lapidare Veranstaltung."
Der Historiker Christoph Jahr über die Kaiserproklamation

Während vor den Toren von Paris noch die Kanonen der deutschen Belagerer in Hörweite donnern, wird das deutsche Kaiserreich aus der Taufe gehoben, das den Deutschen bis 1914 eine relativ lange Friedenszeit beschert.

Zweites Deutsches Kaiserreich: Geprägt von Widersprüchen

Aber es ist gekennzeichnet von vielen Widersprüchen: Zwischen 1871 und 1878 tobt der "Kulturkampf" gegen den Einfluss der katholischen Kirche auf das Kaiserreich und anschließend geht es bis 1890 mit den Sozialistengesetzen gegen die Sozialdemokratie. Das macht am Ende des "Kulturkampfs" die katholische Zentrums-Partei zur stärksten Fraktion im Reichstag. Als 1890 die Sozialistengesetze aufgehoben werden, stellt die SPD die meisten Reichstagsabgeordneten.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Berliner Historiker Christoph Jahr erläutert, wie Preußen die übrigen deutschen Staaten dominiert hat.
  • Der Wiener Historiker Robert-Tarek Fischer hat sich mit dem preußischen König Wilhelm I. beschäftigt, der im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen worden ist.
  • Christoph Nonn ist Historiker an der Universität Düsseldorf und schildert, wie sich die Gesellschaft des Kaiserreichs entwickelt hat.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld beschreibt die Versuche der deutschen Nationalbewegung, einen einheitlichen deutschen Staat ins Leben zu rufen.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporter Martin Krinner erinnert an den Maler Anton von Werner, der bei der Kaiserproklamation dabei war und das Ereignis mit Farbe und Pinsel festgehalten hat. (Das Artikelbild oben ist eine Fotografie eines der Proklamations-Gemälde von Werners.)