Die neue IWF-Chefin Kristalina Georgiewa warnt vor einer drohenden Schuldenkrise: Wegen anhaltender Handelskonflikte drohe ein niedrigeres Wirtschaftswachstum weltweit. Gleichzeitig sei die Verschuldung von Unternehmen und Staaten sehr hoch. Die niedrigen Zinsen sind verlockend. Aber was passiert, wenn diese steigen sollten?

Weltweit hätten sich die Unternehmen in Höhe von 19 Billionen Dollar verschuldet. Dieser Schuldenberg könnte bald zum Problem werden. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Kristalina Georgiewa erwartet ein langsameres Wachstum in fast 90 Prozent der Welt. Die anhaltenden Handelskonflikte führten dazu, dass der IWF mit dem schwächsten Wachstum des Jahrzehnts rechnet. Deshalb werde er seine Prognose für 2019 und 2020 nach unten korrigieren.

Niedrige Zinsen verführen zum Schuldenmachen

Der Schuldenberg komme nicht überraschend, sagt Nicolas Lieven. Der NDR-Wirtschaftsjournalist erklärt, dass die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank (EZB) über lange Zeit Kredite mit sehr niedrigen Zinsen ausgegeben haben - in dem Wissen, dass wir gleichzeitig Minizinsen auf unser Sparbuch bekommen. Für Kreditnehmer ist das eine sehr günstige Gelegenheit.

"Es haben sich praktisch alle verschuldet."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist

Seit der Finanzkrise 2008 hätten sich alle verschuldet, egal ob das jetzt Unternehmen oder Staaten seien, sagt Nicolas Lieven. Sie hätten Kredite aufgenommen, um zu investieren, und haben dafür so gut wie keine Zinsen bezahlt. Auch die deutsche Exportwirtschaft hat von den niedrigen Zinsen profitiert.

"Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren gut gelaufen. Aber die Schuldenberge sind immer weiter gewachsen."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist

Insgesamt sahen die Konjunkturdaten positiv aus, aber gleichzeitig seien die Schuldenberge angewachsen. Statt auf die Warnungen zu hören, hätten die Notenbanken immer weiter die Zinsen gesenkt. Nicolas Lieven befürchtet, dass, wenn die Zinsen irgendwann steigen, die Schulden nicht mehr bezahlt werden könnten.

"Das große Problem kommt, wenn die Zinsen irgendwann steigen und die Schulden bis dahin nicht getilgt sind. Das ist die große Sorge des IWF, dass die Schulden nicht mehr bezahlt werden können."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist

Der Fonds, der dafür sorgen soll, dass ein Bankencrash abgefedert wird, sei noch lange nicht voll, sagt Nicolas Lieven. Die Sorge drehe sich vor allem um eine Art Domino-Effekt, dass, wenn eine Bank Pleite gehen sollte, Menschen die Schalter stürmen, diese Bilder um die Welt gehen und dann auch andere Banken mit abstürzen, weil dort die Kunden ebenfalls ihr Geld herausziehen wollen.

Alibi-Veranstaltung Stresstest?

Die EZB habe gerade einen Stresstest mit Banken durchgeführt, Nicolas Lieven steht diesen Tests aber sehr kritisch gegenüber. Denn für den beschriebenen Domino-Effekt sei weder die Bankenwelt noch die Politik gerüstet.

Dabei sieht Nicolas Lieven weniger ein Problem mit üblichen Geschäftsbanken, deren Bilanzen offen gelegt werden, sondern eher bei den Schattenbanken, deren Bilanzen nicht so transparent seien und die eventuell in eine Krise geraten könnten.

"Unterm Strich muss man sagen: Jede Bank hat sicherlich Problemkredite in den Büchern, vor allen Dingen Kredite, die zu Problemen werden, wenn es mit der Wirtschaft bergab geht."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist

Problemkredite hätte jede Bank in ihren Büchern stehen. Sobald die Wirtschaft abflaut, werden aber vor allen Dingen die Kredite zum Problem, die von den Unternehmen nicht mehr bedient werden können. "Dann kommt es zu Ausfällen, die heute noch nicht absehbar sind."

Wann ein wirtschaftlicher Einbruch erfolgt, sei nicht genau zu vorherzusagen, weil die wirtschaftliche Entwicklung immer in Wellen ablaufe, mal besser, mal schlechter.

"Wir merken, dass die Einschläge näher kommen: Die Handelskonflikte zwischen den USA und China, Brexit, wir wissen nicht genau was auf uns zukommt."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist

Die wirtschaftliche Abschwächung zeige sich beispielsweise in der Automobilbranche und bei den Banken. Europaweit werden im Bankensektor rund 50.000 Mitarbeiter entlassen, Filialen geschlossen. Autozuliefere entlassen Mitarbeiter, setzen Kurzarbeit an.

"Im Augenblick sieht noch alles halbwegs gut aus, auch am Arbeitsmarkt. Aber man kann nicht genau sagen, wann es kippt. Und genau darauf hat der IWF hingewiesen."
Nicolas Lieven, NDR-Wirtschaftsjournalist