Weltweit sind Seegras-Wiesen verloren gegangen, die mehr Kohlenstoff binden können als Wald. Forschende wollen sie wieder ansiedeln. Zurzeit noch mit viel Aufwand.

Seegras kann enorm viel CO2 binden. Pro Quadratkilometer sind es rund doppelt so viel wie dieselbe Fläche Wald. Das liegt unter anderem daran, dass Seegras – ähnlich wie Moore – dicke Schichten bilden kann und Kohlenstoff im Untergrund einlagert, ohne dass es entweichen kann.

Auch kann Seegras wohl in kleinem Rahmen Plastikmüll aus dem Meer entfernen.

"Die CO2-Bindung von Seegras ist eine Ökosystem-Dienstleistung für den Menschen."
Thorsten Reusch, Leiter der Forschungseinheit Marine Evolutionsökologie am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Das Problem: Auf der ganzen Welt sind Seegras-Wiesen bedroht. Im Küstenbereich Schleswig-Holsteins zum Beispiel sind rund zwei Drittel der Seegras-Wiesen verloren gegangen. Die ehemaligen Seegras-Flächen umfassen mehrere hundert Quadratkilometer.

Das liegt vor allem an den Nährstoffen, die durch intensive Landwirtschaft und menschliche Abwässer in die Meere geleitet werden. Diese regen das Wachstum von Plankton und Algen an. Plankton trübt das Wasser und nimmt dem Seegras Licht, das es zum Wachsen braucht. Algen wachsen direkt auf dem Seegras und ersticken es.

Gärtnern unter Wasser

Um den positiven Effekt von Seegras aufs Klima zu nutzen, versuchen Forschende Seegras wieder anzupflanzen und zu vermehren. In der Ostsee zum Beispiel scheint das wieder möglich, weil sich die Wasserqualität leicht verbessert hat.

Zwar würde Seegras dort auch von alleine wieder wachsen, doch das könnte zu lange dauern. "Wir wollen nachhelfen durch Renaturierungsmaßnahmen", sagt Thorsten Reusch, Leiter der Forschungseinheit Marine Evolutionsökologie am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Thorsten Reusch nennt das Vorhaben "Gärtnern unter Wasser". Und tatsächlich ist das Anpflanzen von Seegras zurzeit noch Handarbeit. Taucher entnehmen gesunden Seegraswiesen Pflanzen, ohne die Wiese zu zerstören. Diese Ableger werden dann ausgepflanzt.

"Zurzeit wird das Seegras händisch ausgepflanzt. Das ist nicht die Methode der Wahl, wenn wir das hochskalieren wollen."
Thorsten Reusch, Leiter der Forschungseinheit Marine Evolutionsökologie am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Für ein paar tausend Quadratmeter kann man das so machen, sagt Thorsten Reusch. Doch wenn das alles "hochskaliert" werden soll, funktioniert diese Methode nicht mehr, sie wäre zu aufwändig. Reusch sagt: Wenn das Seegras einen nennenswerten CO2 reduzierenden Effekt haben soll, müssten die Flächen Größenordnungen von vielen Quadratkilometern aufweisen.

Ein Ansatz ist, Seegras über das Verteilen von Samen anzupflanzen. Einfach ist das aber auch nicht: Die Samen werden gerne von kleinen Tieren wie Krebsen gefressen.

Wieder neuer Höchststand der Ozeantemperaturen

Während die Forschenden auf der einen Seite versuchen, mittels Seegras im Meer CO2 zu reduzieren, maßen andere Forschende einen weiteren Höchststand der Meerestemperatur - und zwar in allen Ozeanen. Zum sechsten Mal in Folge im Jahr 2021. Das ganze Gespräch dazu hört hier, wenn ihr hier auf Play drückt.

Matthias Wurms, Deutschlandfunk Nova
"Forscher haben ausgerechnet, dass die oberen 2000 Meter aller Ozeane allein im letzten Jahr rund 14 Zettajoule Energie in Form von Wärme aufgenommen haben."
  • Moderatorin:  Steffi Orbach
  • Gesprächspartner:  Thorsten Reusch, Leiter der Forschungseinheit Marine Evolutionsökologie am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel