Nicolae Minovici und seine Assistenten wollen wissen, wie sich das anfühlt, sich zu erhängen. Sie schreiben von fürchterlichen Schmerzen und fotografieren die Kontusionen, die Spuren die von den Versuchen zurückbleiben, beides hält sie nicht davon ab, es an sich selbst auszuprobieren. Die gute Nachricht: am Ende sind alle quietsch-lebendig, selbst unser Autor Stephan Beuting.

"Es gibt in der Gerichtsmedizin kein Thema, das zu mehr Diskussionen und wissenschaftlichen Irrtümern geführt hat, als das Erhängen.“
Nicolae Minovici, rumänischer Arzt und Forensiker

Nicolae Minovici, rumänischer Forensiker beschäftigt sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Erhängen. Eine Studie gab es damals noch nicht. Minovici will alles wissen. Warum und wie sich Menschen erhängen, welche Knoten sie knüpfen und welche Verletzungen sie haben. Er kann alles zählen, messen und kategorisieren. Nur nicht eins: das Gefühl. Daher erschließt er sich, sich selbst zu erhängen.

Den Kopf in einer festen Schlinge

Es gibt nicht viele Bilder von Minovici. Eins zeigt ihn adrett mit schwarzen Lederschuhen, Stoffhose, gestärktem Hemd und Weste, den Kopf in einer festen Schlinge, die Füße gut 40 cm über dem Boden, Gesamteindruck: den Umständen entsprechend relaxt.

Ein anderes Bild: Minovici auf einer Matte, liegt seitlich auf seinen Arm gestützt, die freie Hand zieht an einem Seil, das über Umlenkrolle und Kraftmesser seinen Kopf hebt. Minovici scheint dabei zu träumen, schaut gedankenverloren rechts aus dem Bild raus, ein bisschen so, als hätte er gerade was geraucht.

"Ich ließ mich sechs- oder siebenmal für vier oder fünf Sekunden hängen, um mich daran zu gewöhnen. Was ich in diesen ersten kurzen Versuchen am meisten spürte, war der Schmerz."
Nicolae Minovici, rumänischer Arzt und Forensiker

Tattoos und Verbrecher

Bukarest,1898, an der Staatlichen Schule der Wissenschaften forscht der Arzt und Forensiker Nicolas Minovici. Kriminalistik und Forensik stecken noch in den Kinderschuhen. Einige italienische Forscher um Cesare Lombroso fangen gerade damit an und wollen die Medizin und die Psychologie stärker ins Spiel bringen. Lombroso will Verbrecher anhand äußerer Körpermerkmale typisieren.

Er entwickelt die Idee vom geborenen Verbrecher und gleich auch noch das Instrumentarium, den zu bestimmen. Tattoos etwa zeigen nach Lombroso ein soziales Stigma. Tattoo gleich kriminelle Energie: Minovici nimmt die These auf und prüft sie für Rumänien. In seiner Doktorarbeit untersucht er Straffällige auf äußere Merkmale hin, findet aber nur bei einem Prozent Tattoos und kommt zu einem anderen Ergebnis. Das Tattoo ist selbst Folge verschiedener Umweltfaktoren, es taugt nicht den Verbrecher zu bestimmen.

Studie über das Erhängen

1905 veröffentlicht Minovici dann die Studie, die ihn über die Grenzen Rumäniens hinaus berühmt machen wird. Etudes sur la pendaison, Study on Hanging, 238 Seiten stark. Er hat Zugriff auf die Daten von 136 Suiziden durch Erhängen. Er kategorisiert die Opfer und deren Hilfsmittel, er fragt nach den Gründen für den Selbstmord und untersucht die Verletzungen. Aber was genau dabei passiert, wie es sich anfühlt, das weiß er nicht.

Um genau das herauszufinden, nehmen er und seine Kollegen den Strick und probieren es aus. Und unser Autor Stefan Beuting? Der wollte ebenfalls nachempfinden, was Minovici und seine Kollegen bei ihren Experimenten gefühlt haben...