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Kennt ihr das Sachbuch "Vulva" oder die taz-Kolumne "Mithulogie"? Autorin ist Mithu Sanyal, die jetzt mit "Identitti" ihren ersten Roman geschrieben hat. Darin geht es um Rassismus, Hautfarben, Blackfacing - aber nicht als Anklage oder Manifest, sondern als aufregende Fiktion. Eine witzige Identitätssuche - samt Zwiegesprächen einer Bloggerin mit einer sechsarmigen Göttin.

Nivedita ist schockiert: Ihre Dozentin, ihr politisches Vorbild, die große Antirassistin, die Weißsein neu definiert und alle Studierende, die nicht PoC sind, aus ihrem Seminar schmeißt, die große, international gefeierte und gefürchtete Saraswati, Professorin für Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie in Düsseldorf, ist (wahrscheinlich) weiß! Das sollen Fotos aus der Kindheit Saraswatis belegen, die ein angeblicher Bruder nach einer 30 Jahre währenden Suche nach ihr in die Öffentlichkeit bringt. Wie kann das sein?

Nivedita betreibt das Blog "Identitti". Darin spricht sie über Rassismus, übers Weißsein - und über ihre Professorin Saraswati, die sie verehrt und deren Bücher für sie heilig sind. Gerade erst hat sie sie in einem Radiointerview in den höchsten Tönen gelobt.

"Die Leute, die Saraswati Rassismus vorwerfen, verstehen sie nur nicht. Und sie verstehen vor allem nicht, was Weißsein bei Saraswati bedeutet."
Die Bloggerin Nivedita in Mithu Sanyals Roman "Identitti"

Und jetzt? Ein weltweiter Shitstorm bricht los. Alle stürzen sich auf die Geschichte - und auf Saraswati. Ziemlich nehmen auch Nivedita ins Visier. "Identitti" ist nämlich ziemlich angesagt: Darin führt die Bloggerin mit der sechsarmigen hinduistischen Göttin Kali (wörtlich übersetzt "Die Schwarze") Zwiegespräche über Identität und Identitätspolitik.

Blackfacing de luxe?

Plötzlich steht Nivedita als einzige Verteidigerin der Betrügerin Saraswati da. Sie weiß nicht mehr, was sie glauben soll, wofür sie steht, was falsch und was richtig ist. Vor allem weiß sie aber nicht, warum sie sich trotz der ganzen Scheiße immer noch von Saraswati verstanden und zu ihr hingezogen fühlt.

Bis vor Kurzem war Niveditas Leben noch in Ordnung. Okay, abgesehen von ihrer immerwährenden Angst, vergessen, übersehen oder ignoriert zu werden. Saraswati hatte sie gesehen. Auch wenn das jetzt creepy klingt – durch Saraswati hatte Nivedita zum ersten Mal sich selbst gesehen.

Gibt es eine Lösung? Vielleicht weiß Kali Rat, die Göttin des Todes und der Erneuerung...

Eine Liebeserklärung

Das Romandebüt "Identitti" der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal kann als Liebeserklärung gelesen werden, sagt Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms. Als eine Liebeserklärung, die einen erstmal vom Hocker reißt - weil sie aufregend ist, weil sie überfordert, und weil sie Unerhörtes lesbar macht. Eine Liebeserklärung einer jungen Frau, die nicht als "echte" Deutsche gelesen wird und sich nicht wie eine "echte" Inderin benimmt - und trotzdem immer beides war und immer beides sein wird.

Das Buch

"Identitti" von Mithu (M.) Sanyal, Romandebüt, Hanser-Verlag, 431 Seiten (inkl. Anhang), gebundene Ausgabe (Hardcover): 22 EUR, E-Book: 16,99 EUR; ET: 15.02.2021