Vor Kurzem wurde im EU-Parlament über Verhaltensregeln und Kurse abgestimmt, um Sexismus und sexuelle Übergriffe in den eigenen Reihen zu bekämpfen. Unsere Reporterin hat recherchiert, was Maßnahmen wie verpflichtende Anti-Sexismus-Kurse bringen könnten.

Sexismus ist ein Problem im EU-Parlament, das ist kein Geheimnis – spätestens seit einer Rede von Janusz Korwin Mikke im Jahr 2017. Und es gibt weitere Beispiele, wie den Blog "MeTooEP" von Parlamentsassistentin Jeanne Ponté: Dort berichten Frauen anonym über ihre Erfahrungen mit Sexismus, sexueller Belästigung oder sexuellen Übergriffen im Parlament. Es besteht also Handlungsbedarf.

Daher haben die Abgeordneten des EU-Parlaments am 31. Januar 2019 unter anderem über zwei Dinge abgestimmt: Verhaltensregeln und verpflichtende Anti-Sexismus-Kurse. Das Ergebnis: In Zukunft werden Abgeordnete, zum Beispiel Ausschussvorsitzende, ein Dokument unterschreiben müssen. In dem steht dann, dass sie sexistisches Verhalten ablehnen. Der Verhaltenskodex soll auch der Geschäftsordnung als Anlage beigefügt werden.

Keine verpflichtenden Anti-Sexismus-Kurse für EU-Abgeordnete in Führungspositionen

Was aber abgelehnt wurde: Dass alle Abgeordnete in einem Kurs lernen, was sexistisches Verhalten genau ist und wie sie in konkreten Situationen handeln können. Die Befürworter wollten mit der Abstimmung erreichen, dass zum Beispiel Personen in Führungspositionen verpflichtend an solchen Kursen teilnehmen müssen. Denn die Kurse gibt es schon – sie sind aber freiwillig.

"Es sollte sich durch die verpflichtenden Kurse strukturell etwas ändern, damit mehr Menschen auf die Machtstrukturen aufmerksam werden, die zu Sexismus führen."
Ilka Knigge, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Teilnehmende sollen in Kursen sensibilisiert werden

Sabine Rotte ist Sozialpädagogin und Trainerin in der Erwachsenenbildung. Sie gibt solche Anti-Sexismus-Kurse. Sie sagt, dass Teilnehmende oft erst einmal dafür sensibilisiert werden müssen, welches Verhalten überhaupt sexistisch ist. Wie die einzelnen Kurse aussehen, hängt dann von Kursleiterin und Teilnehmenden ab. In den Kursen von Sabine Rotte wird zum Beispiel über persönliche Erfahrungen der Teilnehmenden gesprochen, wenn es darum geht, dass jemand objektiviert, unterbrochen oder ausgeschlossen wird.

"Ein Ausbilder erklärt einer Gruppe von jungen Menschen, die in der Ausbildung sind, eine neue Kamera. Und es ist nur eine junge Frau dabei und sonst nur junge Männer. Und dann sagt er so in die Gruppe: Diese Kamera ist ganz leicht zu bedienen – wie eine Frau!"
Sabine Rotte, Sozialpädagogin und Anti-Diskriminierungs-Trainerin

Außerdem bekommen die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer Tipps für den Alltag an die Hand – je nach Typ und Situation. Generell gilt aber: Sprecht darüber. Wenn eine Frau zum Beispiel oft unterbrochen wird, soll sie das offen ansprechen. Genauso sollen Männer etwas sagen, wenn sie merken, dass eine Frau in einer unangenehmen Situation ist, in der sie auf ihr Äußeres reduziert, verbal diskriminiert oder angefasst wird.

Wer diskriminiert, muss offen für Anti-Sexismus-Kurse sein

Bei Personen, die andere diskriminieren, ist eine gewisse Offenheit nötig, sagt Sabine Rotte. Nur so könnten sie im Kurs sensibilisiert werden. Wer sich öffne, müsse im Endeffekt auch freiwillig teilnehmen.

"Wenn es um Sensibilisierungstrainings geht, ist es eigentlich notwendig, dass die Menschen sich ein Stück weit dafür öffnen und freiwillig teilnehmen. Wenn sie das nicht tun, erreichen Sensibilisierungstrainings nach meiner Meinung nicht besonders viel."
Sabine Rotte, Sozialpädagogin und Anti-Diskriminierungs-Trainerin

Mittlerweile sei es nach ihrer Erfahrung so, dass Sexismus in Unternehmen vor allem von älteren Männern ausgehe, so die Trainerin für Erwachsenenbildung. Junge Frauen und Männer hätten untereinander kaum mehr ein Problem – es sei eher so, dass sie von jungen Männern darauf angesprochen werde, wie diese helfen können.