In Social-Media-Zeiten sind Studierende immer weniger in der Lage, spontan zu kommunizieren. Das sagt die BPP Law School in London und bietet aus dieser Erkenntnis heraus nun Smalltalk-Kurse an. Wichtig. Denn das "kleine Gespräch" ist eine soziale Praxis, sagt die Germanistin Katja Kessel, die ihre Dissertation über "Die Kunst des Smalltalks" geschrieben hat.

Chit-Chat-Seminare heißen diese Kurse, also: Plauder- oder Klatschkurse. Die haben Studierende nötig, findet die Londoner Privatuni BPP Law School. Weil: Die jüngeren Generationen seien zwar beim Texten viel entspannter – es fehle ihnen aber an Selbstbewusstsein, wenn es um persönliche Gespräche geht und darum, Zeit mit einem Menschen zu verbringen.

In ihrer Dissertation "Die Kunst des Smalltalks" hat die Germanistin Katja Kessel von der Hochschule Coburg insgesamt 23 deutsche und amerikanische Ratgeber zum "kleinen Gespräch" analysiert und ausgewertet, darunter auch historische. Smalltalk sei ein "soziales Lausen", sagt sie.

Smalltalk als "Soziales Lausen"

Neben der Kontaktaufnahme diene er nämlich vor allem der Pflege des Miteinanders. Ein Smalltalk sollte unangestrengt dahinplätschern, er sei ein fortwährendes Ausloten. Das oberste Gebot dabei: Harmonie zu schaffen – beziehungsweise sie zu erhalten.

"Das Wichtigste am Smalltalk ist eine positive Grundstimmung: Wohlwollen, Harmonie, Ausgewogenheit – in allen Belangen."
Katja Kessel, Germanistin

Absolut ungeeignet für den Smalltalk seien dagegen Konfliktpotenziale, Besserwisserei und Selbstdarstellung. Außerdem wichtig, so die Germanistin: Beide, beziehungsweise alle Gesprächspartner müssen mitmachen, sonst wird es sehr, sehr anstrengend.

Themen mit Anknüpfungspunkten

Das Wetter als Einstiegsthema zum Beispiel ist besser als sein Ruf, sagt Katja Kessel. Hauptsache, man sage überhaupt etwas und komme erst mal ins Gespräch rein. Wichtig sei es aber, sofort Anknüpfungspunkte mitzuliefern, also zum Beispiel auf die Frage "Hey, wie ist das Wetter bei euch?" die Antwort "Super, die Sonne scheint! Ideal, um endlich mal die Gartenarbeit zu machen." Damit werde dann direkt ein neues Themenfeld aufgemacht.

Wenn die Themen ausgehen und das Gespräch einen "kritischen Punkt" erreicht, sei die eine Möglichkeit, an diesem Punkt aus dem Gespräch auszusteigen, sich freundlich zu bedanken und weiterzugehen. Wenn das aber nicht möglich ist – etwa, wenn man beim Essen neben jemandem sitzt und nicht so schnell "flüchten" kann – gibt es verschiedene Möglichkeiten, erklärt Katja Kessel:

  • über Assoziationen einen neuen Gesprächsfaden aufbauen
  • Anknüpfungspunkte an vorherige Themen suchen, über die noch nicht gesprochen wurde
  • auf die aktuelle Situation eingehen, also den Ort und Anlass des gerade stattfindenden Treffens, die Einrichtung, das Essen etc.
  • im Notfall auch möglich: das Schweigen bzw. das Problem des Smalltalks an sich zum Thema machen

Vor dem Jahr 2000 habe es die Problematik rund um den Smalltalk auf dem Ratgebermarkt noch gar nicht gegeben, sagt Katja Kessel. Erst zur Jahrtausendwende sei hier anscheinend ein neues Problembewusstsein entstanden und damit auch ein Ratgeberbedarf.

Kaum Smalltalk-Ratgeber vor 2000

Die deutschen und amerikanischen Ratgeber, die sie für ihre Dissertation ausgewertet hat, wollen alle konkrete Rezepte an die Hand geben, bleiben aber oft auch im Allgemeinen, so die Germanistin.

"Teilweise widersprechen sich die Smalltalk-Tipps in verschiedenen Ratgebern auch."
Katja Kessel, Germanistin

Außerdem gebe es manchmal auch Widersprüche, wenn man mehrere Ratgeber miteinander vergleicht. Gewürzt seien die meisten Büchlein mit Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. Als Einstiegsthemen in einen Smalltalk werden auf Platz 1 das Wetter und danach Themen wie Kultur, Kunst, Essen und Trinken empfohlen, so Katja Kessel.

Zu einem gewissen Grad kann man die Kunst des Smalltalks schon lernen, glaubt sie. Allerdings nicht, indem man irgendwelche Sätze auswendig lernt – was in manchen Ratgebern häufig suggeriert werde. Besser sei, das Prinzip zu verstehen. Wenn das geklappt hat, ist Smalltalk "ein bisschen wie Radfahren", so die Germanistin.