Der sogenannte Islamische Staat ist eine Veranstaltung von ideologisierten jungen Männern - so scheint es auf den ersten Blick. Bei den Onlineaktivitäten des IS sind Frauen aber äußerst engagiert und offenbar auch sehr effektiv, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Beim IS spielen Frauen eine untergeordnete Rolle - als, laut Propaganda, legitime Kriegsbeute oder Sexsklavinnen für die Kämpfer. Oder aber als selbst von Propaganda angezogener oder verführter Kriegsbraut. Doch dieses Bild ist schief, so eine aktuelle Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams: Frauen tragen demnach im Netz stärker als Männer zur Ideologieverbreitung und damit auch wieder Rekrutierung neuer Kämpfer bei, heißt es da.

"Das bestätigt quasi die alte These, dass Frauen die besseren Kommunikatoren sind. Das war auch die Ausgangsthese des Wissenschaftlerteams."
Michael Gessat, DRadio-Wissen-Netzreporter

Bei der aktuellen Studie ging es aber nicht um Dinge, die man gewöhnlich mit Kommunikation von Frauen verbindet - sondern letztlich um einen Kampf, der ganz eindeutig ein sehr gewalttätiger Kampf ist.

In den meisten Netzwerken werden Unterstützergruppen des IS schnell wieder dichtgemacht. Entweder vom Betreiber - oder die Behörden schnappen sich die Verfasser. In der Studie sprechen die Autoren von einem Beispiel zum "Kommunikationsverhalten extremistischer Gruppen unter Verfolgungsdruck".

"Der Verfolgungsdruck ist bei VKontakte sehr viel geringer als bei Facebook."
Michael Gessat

Die Wissenschaftler haben IS-Unterstützergruppen beim russischen Facebook-Pendant VKontakte analysiert: Die Gruppen haben als Zielpublikum entweder die russische Bevölkerung oder speziell islamische Bevölkerungsteile, zum Beispiel in Tschetschenien. Oder eben ein internationales Publikum.

Was machen Frauen anders als Männer?

Laut den Erkenntnissen der Wissenschaftler sind die Frauen bei VKontakte anders vernetzt, nämlich mit einer insgesamt höheren Konnektivität - obwohl sie rein zahlenmäßig in der Minderheit sind.

Von einem (weiblichen) Knotenpunkt gehen, typischerweise sternförmig, sehr viele Verbindungen aus - im Gegensatz zu Mustern, bei denen vielleicht sechs Leute im Kreis kommunizieren, und von denen dann wieder einer mit einem anderen Kreis. Dort ist dann der Verbreitungsfaktor geringer. Standardauswertungen, wie sie auch Werbeleute machen, um Viralität zu messen.

Vergleich mit Nordirland

Die Forscher haben ihre Untersuchungen mit einem Beispiel aus der analogen Welt in den 70er/80er Jahren vergleichen - mit sehr detaillierten Untersuchungen zu den Netzwerken der Provisional Irish Republican Army (PIRA) in Nordirland.

"Auch bei der PIRA haben Frauen die aktiveren und besser vernetzten Kommunikationspunkte gestellt."
Michael Gessat

In Einzelfällen sind sie auch selbst zu Kämpferinnen geworden oder haben Anschläge verübt.

Unsicherheiten

Ob die Datenbasis aber für eine fundierte Aussage ausreicht, ist nicht klar. Die Forscher geben Unsicherheiten zu. Es könnte zum Beispiel sein, dass in einer zahlen- und handlungsmäßig männerdominierten Struktur weibliche Knoten "attraktiver" oder "spektakulärer" wären. Das würde allerdings auch tendenziell dazu führen, dass diese Knoten eher entdeckt und abgeschaltet werden.

Die Wissenschaftler sagen ganz ausdrücklich, sie wollten mit der Studie nicht dazu auffordern, die Frauen ins Visier zu nehmen. Wenn man durch Entideologisierungsversuche etwas erreichen will, dann könnten die weiblichen Multiplikatorinnen genau der richtige Ansatzpunkt sein.