Instagram und Facebook machen einsam - diesen Vorwurf hören vermutlich in erster Linie Kinder von ihren (Groß-)Eltern. Doch wissenschaftlich lässt sich diese These nicht bestätigen.

Soziale Netzwerke werden oft als anti-sozial dargestellt. Der Medienpsychologe Tobias Dienlin von der Uni Hohenheim sagt: "Die Effekte von Social Media auf die Einsamkeit scheinen gar nicht so groß zu sein." Wir würden sie nur aus einer intuitiven Sichtweise heraus überschätzen. Versucht man Thesen wie "Social Media macht einsam" mit Studien zu belegen, fällt das schwer.

"Für die These, dass Social Media beispielsweise einsam oder auch unzufriedener macht, gibt es keine belegbaren Zahlen."
Tobias Dienlin, Medienpsychologe, Uni Hohenheim

Klar ist, dass die Zeit, die wir in sozialen Netzwerken verbringen, von der Zeit abgeht, die wir sonst vielleicht für die Face-to-Face-Kommunikation hätten. Doch Medienspychologe Tobias Dienlin sieht das nicht als Problem, denn wir würden heute Social Media meistens dann nutzen, wenn wir sowieso alleine unterwegs sind: In der Bahn, im Wartezimmer oder beim Reisen.

Eine Stunde Social Media kann trotzdem niemals eine Stunde im Cafe mit einer guten Freundin ersetzen, das wurde auch von Forschern der University of Pittburgh bestätigt.

Social Media kann helfen, Freunde zu finden

Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht gleich, dass wir durch unsere zusätzliche Zeit in Social Media gleich mehr Freunde haben. Psychologin und Social-Media-Expertin Sonja Utz, Professorin am Leibniz-Institut für Wissensmedien, spricht hier von zwei Hypothesen:

  1. "Rich get richer": Wer sowieso schon viele Freunde hat und sich selten einsam fühlt, profitiere von den neuen Medien.
  2. "Social Compensation": Wer von Natur aus eher schüchtern ist und sich schwer damit tut, andere Leute anzusprechen, dem falle dies im sozialen Netz leichter, und sie/er könne seine Einsamkeit dadurch kompensieren.

Sonja Utz sagt jedoch auch, dass das System der "Social Compensation" laut vieler Studien nicht funktioniere, weil soziale Medien nicht das ersetzen könnten, was einem im echten Leben schon nicht gelingt.

"Wir nutzen Social Media eben in solchen Situationen, in denen wir ansonsten nicht sozial sind. Also beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, beim Reisen, beim Warten im Arztzimmer."
Tobias Dienlin, Medienpsychologe, Uni Hohenheim

Laut einer Studie des Forschungszentrums Pew Research Centers haben 69 Prozent der Befragten angegeben, dass sie über soziale Netzwerke neue Freunde gefunden haben.

Emotionale oder soziale Einsamkeit

Was bei dieser Debatte aber unterschieden werden muss: Einsamkeit ist nicht gleich Einsamkeit. Tobias Dienlin unterscheidet zwischen dem Gefühl, einsam zu sein, obwohl man sich in einer Gruppe von Menschen befindet, aber sich nicht zugehörig fühlt und dem bewussten Alleine-Sein, das ja auch manchmal gut tun kann.

Deshalb plädiert der Medienspsychologe auch dafür, im Netz nicht immer nur die Sonnenseiten zu posten, sondern auch die schlechten Tage zu thematisieren. Denn mehr Authentizität führt zu mehr Wohlbefinden bei vielen Nutzern.