Ein Video geht viral: Ein Ex-Soldat aus Russland erhebt schwere Vorwürfe gegen die Armee – kurz darauf landet er im Gefängnis. Unsere Korrespondentin sagt: "So offene Kritik ist extrem ungewöhnlich." Könnte der Fall für Putin gefährlich werden?
Der Angriffskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt, hat für viele Menschen in Russland lange Zeit kaum spürbare Folgen im Alltag gehabt. Doch inzwischen kommen die Auswirkungen des Kriegs auch dort immer stärker an.
Im Land herrscht eine Benzinkrise, weil die Ukraine seit Wochen immer wieder russische Ölanlagen angreift. Die Folge: Sprit ist teurer geworden, an vielen Tankstellen wird Benzin nur noch in begrenzten Mengen abgegeben. Hinzu kommen Berichte, dass es für die russische Armee an der Front längst nicht so gut läuft, wie die Staatspropaganda behauptet.
Vor diesem Hintergrund geht nun ein Video des Ex-Soldaten Alexander Lunin viral. Allein bei Instagram wurde es rund 20 Millionen Mal angesehen – obwohl die Plattform in Russland verboten und nur über VPN-Verbindungen erreichbar ist.
Kritik und Drohungen aus den Reihen des Militärs
Deutschlandfunk-Nova-Reporter Johannes Döbbelt hat zu diesem Fall recherchiert: Alexander Lunin ist 39 Jahre alt und stammt aus einem kleinen Dorf im Südwesten Russlands. Er war Unteroffizier der russischen Armee und kämpfte auch im Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Nach eigenen Angaben wurde er im vergangenen Jahr aus der Armee entlassen. Der Grund: Er hatte damals ein Video veröffentlicht, das zwei Soldaten an der Front zeigte, die ohne Schusswaffen in den Kampf geschickt worden sein sollen. Johannes Döbbelt ordnet ein, dass dieser Vorwurf immer wieder erhoben werde: "Die russische Armee soll eigene Soldaten ohne jegliche Überlebenschance, sozusagen auf Himmelfahrtskommandos, ins Gefecht schicken."
Das Video, in dem Lunin ein Militär-Outfit und zahlreiche Orden trägt, hat zwei zentralen Botschaften, so Johannes Döbbelt zusammen. Zum einen prangere der die Zustände in der russischen Armee an. Unser Reporter zitiert und übersetzt Lunins Aussagen im Video folgendermaßen: "Im Moment sitzen Dutzende, Hunderte, Tausende unserer Soldaten in Kerkern, bestraft von ihren Kommandanten; sie werden gefoltert und misshandelt, weil sie sich geweigert haben, selbstmörderische Befehle auszuführen. Und letztendlich werden sie ausgelöscht, als vermisst gemeldet."
Zum anderen droht der Ex-Soldat Putin mit einem Aufstand des Militärs.
"Wenn ich in nächster Zeit nicht in den Kreml komme und nicht spreche, live im Fernsehen, direkt neben Ihnen, dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten."
Konsequenzen für den Ex-Soldaten
Laut Johannes Döbbelt behauptet Lunin außerdem, Vertreter des russischen Verteidigungs- und Innenministeriums seien auf ihn zugekommen. Sie hätten ihn dazu aufgefordert, das Video aufzunehmen und ein Treffen mit Putin zu erzwingen. Ob diese Behauptungen stimmen, sei allerdings völlig unklar.
Die Reaktion des Kremls fiel knapp aus, sagt Johannes Döbbelt. "Ein Sprecher erklärte lediglich, das Video enthalte eine 'merkwürdige Wortwahl'." Johannes Döbbelt betont jedoch: Allein die Tatsache, dass der Kreml öffentlich auf die Kritik reagiert hat, sei ungewöhnlich.
Für Alexander Lunin blieb das Video nicht ohne Folgen. Laut Lunins Frau hat die Polizei seine Wohnung durchsucht und sämtliche elektronischen Geräte und Speichermedien beschlagnahmt. Kurz darauf wurde Lunin festgenommen und von einem Gericht zu einer Haftstrafe verurteilt – offiziell, weil er "extremistische Symbole" gezeigt haben soll. Was damit genau gemeint ist, bleibt unklar, so unser Reporter.
Nach Lunins Angaben soll die Ordnungshaft elf Tage dauern. "Doch ob es dabei bleibt, ist offen", so die Einschätzung von Johannes Döbbelt.
Wie außergewöhnlich ist Lunins Kritik?
Gesine Dornblüth beschäftigt sich als Journalistin seit mehr als 30 Jahren mit Russland und der Ukraine. Solche Videos, wie das von Lunin, tauchten immer wieder auf, sagt sie.
"Es gibt immer wieder Videos mit Aufrufen an Putin, den 'guten Zaren', der angeblich nichts von den wahren Zuständen weiß, aber sicher alles richten wird."
Seine Vorwürfe gegen die russische Armee schätzt die Journalistin als berechtigt ein. Es sei allerdings schwierig, die von Lunin genannte Zahl einzuschätzen: "Er spricht von Tausenden Soldaten, die da gefoltert würden. Das können wir nicht nachrecherchieren."
Dass Soldaten gefoltert und misshandelt würden, sei dagegen in einem aktuellen Bericht einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen dokumentiert. "Die Berichterstatter sprachen mit 85 Soldaten, die aus der russischen Armee desertiert waren. Die meisten berichteten von Gewalt durch ihre Kommandeure", so Gesine Dornblüth.
Es gebe Schilderungen von Gruben, in denen Soldaten eingesperrt worden seien. Außerdem sollen Soldaten verprügelt und sogar erschossen worden sein, wenn sie sich weigerten, an Sturmangriffen teilzunehmen, die ihren sicheren Tod bedeutetet hätten.
Frust wächst – aber nicht gegen Putin
In Russland selbst sorgen die steigenden Spritpreise und langen Schlangen an Tankstellen durchaus für Frust, sagt Gesine Dornblüth. Sie verweist auf die Einschätzung des Soziologen Lev Gutkow vom unabhängigen Levada-Zentrum. "Er spricht von einer diffusen Unzufriedenheit", sagt sie. Die Menschen bemerkten zwar, dass die Probleme in ihrem Alltag mit dem Krieg zusammenhingen, gleichzeitig herrsche ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Putin machten sie dafür aber nicht verantwortlich.
"Die Frage ist, ob dieser Frust in wirkliche Wut umschlägt. Bisher machen die Menschen Putin nicht für die Missstände verantwortlich."
Diese Einschätzung spiegele sich auch in Umfragen wider, so Gesine Dornblüth. Nach Angaben des kremlnahen Umfrageinstituts FOM ist das Vertrauen in Putin innerhalb einer Woche zwar um 5 Prozentpunkte gesunken. Trotzdem liegt es weiterhin bei 69 Prozent.
Journalistin: Folgen des Videos nicht überschätzen
Die große Aufmerksamkeit für Lunins Video sieht Gesine Dornblüth insgesamt kritisch.
"Ich sehe schon, dass Medien vereinfachen, wenn sie sinngemäß sagen: Die Ukraine stehe kurz vor einem Sieg. Das ist natürlich sehr stark übertrieben."
Auch die Ukraine selbst rechne nicht damit, dass ihre Drohnenangriffe Proteste in Russland auslösen. "Da sind die Ukrainer sehr realistisch", sagt unsere Korrespondentin. Das eigentliche Ziel der Angriffe sei vielmehr, russische Kriegslogistik zu zerstören und den Nachschub an die Front zu erschweren.
Putin selbst gebe sich weiterhin entschlossen, beobachtet Gesine Dornblüth. "Er ist weiterhin überzeugt davon, den Krieg weiterführen und die Ukraine unterwerfen zu können."
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