Spielend können wir alles: In andere Charaktere schlüpfen, andere Lebenswelten erleben, andere Gedanken an- und ausprobieren. Welche Brettspiele in der DDR gespielt wurden und welche Spiele sich die Spielwütigen selbst ausgedacht und angeeignet haben, das erfahren wir von der Geschichtswissenschaftlerin Maren Röger und dem Spielesammler Martin Thiele-Schwez.

Wer spielt, kann Grenzen überwinden – auch physische. Die Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin Maren Röger hat die Brettspiele der DDR erforscht. Sie definiert drei Kategorien von Brettspielen (die es auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gibt und gab):

  • Reisespiele
  • Kriegsspiele und militärische Spiele
  • Spiele zu den Themen Wirtschaft und Handel.

Interessanterweise ist sie dabei auch auf ein blockübergreifendes Reisespiel aus dem Jahr 1950 gestoßen, das eine fiktive Reise durch ganz Europa spielbar machte. Später dann waren nur noch die Staaten des Warschauer Paktes per Spiel zu erleben.

"Klar ist, dass es hier jeweils um eine positive Identifikation mit der Heimat geht."
Maren Röger, Universität Augsburg

Eine große Rolle spielt auch die Aneignung und Persiflage berühmter Spiele aus dem kapitalistischen Ausland. "Monopoly" und "Spiel des Lebens" wurden gern kopiert – und persifliert.

"Der Gewinn ist die Flucht in den Westen. Und wenn man Pech hat, kommt man auf das Feld, das besagt, dass man in einer Anstalt verschwindet."
Maren Röger, Universität Augsburg

In Abhandlungen wurde dezidiert dargelegt, wieso "Monopoly" durch und durch abscheulich sei. Dabei aber wurde das Spiel in Abbildung und Beschreibung derart detailliert dargestellt, dass sich die Abhandlung auch als Bauanleitung zum Selbermachen verstehen lässt. Marke Eigenbau war bei Brettspielen durchaus verbreitet.

Der Spiele-Entwickler und -Sammler Martin Thiele-Schwez erinnert sich an das selbst gemachte "Monopoly" seiner Eltern. In der Familie des Freundes stießen die beiden noch auf ein handgemachtes "Sagaland". Sie fingen an, nachgemachte Gesellschaftsspiele aus der Deutschen Demokratischen Republik zu sammeln. Besonders beliebt in der Do-It-Yourself-Spielemacherszene: Monopoly.

"Der Bastler ging dann seine handgefertigten Monopoly-Karten durch und erzählte zu fast jeder eine persönliche Anekdote."
Martin Thiele-Schwez, Spielentwickler Berlin

Spiele aus dem Westen wurden in der DDR nachgebaut

Viele der Menschen, die sie zu nachgemachten Spielen in der DDR befragt haben, berichteten von Mangel in der DDR-Spieleproduktion, in vielfacher Hinsicht. Es fehlte an:

  • originellen Spielen / guten Spielideen
  • Produktionsmöglichkeiten
  • Material

Vorhandene gute Spielideen konnten oftmals nicht umgesetzt werden, weil das Material für die Produktion fehlte. Wer wirklich auf neue Spiele brannte, versuchte, welche aus westlicher Produktion zu bekommen. Auch die Kataloge der Hersteller waren begehrt. Dann wurden diese Spiele, teilweise sehr aufwendig, mit Bordmitteln nachgebaut. Oder aber auf die DDR-Realität übertragen, ironisch gebrochen.

"In Bürokratopoly geht es darum, vom einfachen Arbeiter zum Generalsekretär des Zentralkomitees der SED aufzusteigen."
Martin Thiele-Schwez, Spielentwickler Berlin

Martin Thiele-Schwez hat vier Wege ausgemacht, auf denen sich die Spieleentwickler Inspiration - und Spiele - aus dem Westen geholt haben:

  • Kirchen (Mitbringsel bei Reisen von BRD-Bürgern in die DDR)
  • NVA (Ort der Langeweile, an dem viel gespielt und gebastelt wurde)
  • Westpaket (wobei nicht alle Sendungen ihre Adressaten erreicht haben)
  • persönliche Netzwerke

Maren Röger unterrichtet Geschichtswissenschaft an der Universität Augsburg. Der Originaltitel ihres Vortrages lautet "Welten und Grenzen der sozialistischen Brettspiele". Martin Thiele-Schwez entwickelt und sammelt Spiele, sein Vortrag heißt "Spiel, Staat und Subversion. Nachgemachte Gesellschaftsspiele in der DDR". Ihre Vorträge haben sie auf der Konferenz "Zwischen Sozialdisziplinierung und Vergnügen: Politik und Praktiken des Spielens im Staatssozialismus“ gehalten, anlässlich der Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung, am 4. Dezember 2019 im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.