Gina Lückenkemper ist Deutschlands schnellste Sprinterin. Bei den Jugendweltmeisterschaften 2012 hat sie so richtig "Blut geleckt", sagt sie. Im Interview erzählt sie, warum sie heute an Batterien leckt.

Nach mehr als 20 Jahren ist Gina Lückenkemper die schnellste deutsche Hundertmeterläuferin, die wieder unter elf Sekunden läuft. Die 23-Jährige ist die Vize-Europameisterin 2018 über 100 Meter.

"Ich bin im März 2012 bei einem Hallenwettkampf das erste Mal im Nationaltrikot unterwegs gewesen. Danach habe ich zu meinen Eltern gesagt: Im Sommer fahr ich mit zur WM."
Gina Lückenkemper hat früh ihre Liebe zur Leichtathletik entdeckt

Als Siebenjährige haben ihre Eltern sie gefragt, ob sie nicht mal ins Leichtathletik-Training möchte, weil sie als Kind schon immer viel draußen gespielt und herumgerannt ist. Seitdem macht sie diesen Sport mit Begeisterung. Ihren ersten 100-Meter-Wettkampf bestritt sie als 15-Jährige 2012 bei den Jugendweltmeisterschaften in Barcelona.

"2012 habe ich Blut geleckt. Seitdem bin ich dabei."
Für Gina Lückenkemper war die Jugend-WM 2012 ein Schlüsselerlebnis

Statt 2016 zum Abiball zu gehen, ist Gina bei den Olympischen Spielen in Rio dabei. Hat sie ihre Jugend für den Leistungssport verpasst? Gina sagt, dass sie nicht das Gefühl hat, etwas versäumt zu haben, sondern dass sie einfach andere Prioritäten gesetzt hat.

"Ich war auf keiner meiner Abi-Feten, nicht auf dem Abiball, weil ich einfach andere Prioritäten hatte. Ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich habe mich bewusst dafür entschieden und ich würde es immer wieder so tun.
Gina Lückenkemper hat sich in ihrer Jugend für den Sport entschieden

Gina ist mit dem Leistungssport groß geworden, ist da hineingewachsen und kennt es einfach nicht anders. Aber: Immer aus freien Stücken, weil sie es wollte.

Gina Lückenkemper Sprinterin
© Jana Heusinger

Zwar war die Schulzeit für sie schon stressiger als für andere, weil sie
neben der Schule viel Zeit ins Training und in Wettkämpfe gesteckt hat.
Aber auch wenn sie ohne den Sport vielleicht eine bessere Abi-Note hätte
erreichen können, ist sie mit ihrem Leben so zufrieden, wie es bisher
gelaufen ist.

Mit 20 Kilo Schlitten trainieren

2017 ist Gina zum ersten Mal unter elf Sekunden bei der WM in London gelaufen. Mit 10.95 Sekunden war das ihre persönliche Bestzeit. 2018 schaffte sie bei der Europameisterschaft im Berliner Olympiastadion im Hundertmeterlauf 10.98 Sekunden. Damit war sie die erste Deutsche seit 26 Jahren*, die es wieder schaffte, über 100 Meter unter elf Sekunden zu laufen.

Heute studiert sie Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität in Bochum und hat für die Olympischen Spiele im Sommer ein Urlaubssemester beantragt, um sich voll auf den Wettkampf zu konzentrieren. Ende 2019 wechselte Gina zu einem Trainer in den USA und war mehrfach in der Nähe von Orlando, Florida zum Training. Seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie geht das alles nicht mehr.

Sprinterin Gina Lückenkemper
© Jana Heusinger

Eine solch lange Trainingspause kann sich Gina nicht leisten, deshalb hat sie sich alternative Trainingsmethoden ausgedacht: In Bamberg, wo sie derzeit lebt, ist sie mit einem 20 Kilo schweren Schlitten am Kanal entlang gerannt. Zugwiderstandslauf nennt sich das.

"Ich habe in Bamberg zur Belustigung aller beigetragen, weil ich meinen 20 Kilo schweren Schlitten am Kanal hinter mir hergezogen habe."
Wie sich Gina Lückenkemper in Corona-Zeiten fit hält

Ohne konkreten Wettkampf vor Augen muss sich auch Gina immer wieder von Neuem motivieren und geht im Kopf ihre Langfristziele durch, die sie nur erreichen kann, wenn sie weiter trainiert.

Ohne Kopftraining kein Wettkampferfolg

Überhaupt ist der Kopf ist für den Wettkampf extrem wichtig, sagt Gina. Denn wenn das Gehirn nicht richtig mitspielt und sie mental nicht 100 Prozent bei der Sache ist, kann sie nicht das Beste aus ihrem Körper herausholen. Dabei konzentriert sie sich auf ihre eigene Einschätzung über ihre Leistung und die der Konkurrenz und lässt eher wenig Druck von außen auf sich zu.

Deshalb hat sie sich 2018 vor der Europameisterschaft selbst das Ziel gesteckt, zwei Medaillen zu holen. Sie war sich ihrer Sache sicher und ist mit einem starken Selbstbewusstsein aufgetreten.

"Ich habe Glück, weil ich von Natur aus mental stark bin. Ich habe einfach von meinen Eltern gute Gene mit auf den Weg bekommen."
Gina Lückenkemper über die nervliche Belastung beim Wettkampf

Als sie am Ende tatsächlich die Silbermedaille gewonnen hatte, fiel der
ganze Druck von ihr ab und ihre Emotionen brachen sich Bahn.

"Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Da sind alle Dämme gebrochen im Stadion, als ich auf der Anzeigetafel gesehen habe, dass ich Silber gewonnen habe."
Gina Lückenkemper über ihren Lauf bei der Europameisterschaft 2018

Trotz dieses starken Selbstbewusstseins ist Gina aber auch froh, an ihrer Seite ihren Freund, ihre Eltern und Freundinnen zu haben, mit denen sie sich aussprechen kann, wenn sie ein Motivationsloch hat, und die sie auch mal zum Training begleiten, wenn es ihr schwerfällt. "Einfach zu wissen, dass man in solchen Momenten nicht alleine ist", dass sich jemand um einen kümmert, wenn es nicht so gut läuft, hilft ihr.

Wenn ihr wissen wollt, warum Gina vorm Wettkampf an einer Batterie leckt und wie sie mit unseren mentalen Trainingsfragen zurechtkommt, dann hört das ganze Gespräch mit ihr. Einfach oben auf den Play-Button klicken.

* Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass sie die erste Deutsche seit 21 Jahren sei, die es wieder schaffte, über 100 Meter unter elf Sekunden zu laufen, weil Gina im Gespräch eine falsche Zahl nennt. Tatsächlich sind es aber 26 Jahre - vor ihr schaffte es zuletzt Katrin Krabbe im Jahr 1991.