Exakt 1121 Welterbe-Stätten führt die Unesco, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, aktuell auf ihrer berühmten Liste. Doch nicht nur die gelten als historisches Erbe. Sybille Frank erklärt in ihrem Vortrag, dass inzwischen sogar Aktivistinnen für ein Erbe kämpfen können. Das nennt sie dann aber "Heritage".

"Heritage" ist der englische Begriff für "Erbe", geht aber viel weiter als der deutsche. Wenn die Unesco weltweit oder die Denkmalschutzbehörden in Deutschland definieren, was erhaltenswert ist, dann handelt es sich um ein kulturelles Erbe oder um besonders schützenswerte Natur. Wenn aber Demonstranten wie 2013 in Berlin dagegen protestieren, dass eine Lücke in die ohnehin spärlichen Reste der Berliner Mauer gerissen werden soll, kämpften auch sie für ein Erbe, das schützenswert sei, so Frank.

"Immer mehr Gruppen versuchen, ihr Erbe im öffentlichen Raum zu verankern. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur eine staatliche Praxis ist."
Sybille Frank, TU Darmstadt

Das Produkt lässt sich updaten

Inzwischen steht die Berliner Mauer in Friedrichshain unter Denkmalschutz, nichts darf mehr aus unternehmerischen Interessen herausgerissen werden, wie noch vor wenigen Jahren. Der Kampf ums Erbe ist zu einer Nahbeziehung in den Städten geworden, illustriert Frank an diesem Beispiel. Dazu zählen vor allem touristische Ziele, mit denen das Stadtmarketing Besucher anlockt und als einzigartig herausstellt.

Beethoven etwa ist nun mal nur der berühmteste Sohn Bonns und keiner anderen Stadt. Heute weisen dort nicht nur Historiker und Musikwissenschaftler auf seine Leistungen hin. Das jährliche Beethoven-Festival geht auf eine private Initiative "Bürger für Beethoven" zurück. Es engagieren sich aber auch große Unternehmen wie die ortsansässige Deutsche Post oder Medienpartner wie die Deutsche Welle, um das Erbe der Stadt international zu vermarkten.

"Wir können festhalten, dass der Erbe-Status kulturellen Objekten nicht an sich innewohnt, sondern er wird gesellschaftlich konstruiert und ist daher auch umstritten."
Sybille Frank, TU Darmstadt

Kurz: Die Zeiten, als die Obrigkeit ein für allemal allein darüber bestimmte, was ein Erbe ist und wie es auszugestalten sei, sind vorbei. Erbe ist heute ständige Ware im Wandel. Oder neudeutsch: Das Produkt lässt sich updaten.

Sybille Frank ist seit 2016 Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der TU Darmstadt. Am 10. Juli 2019 hat sie auf einer Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) gesprochen. Ihr Thema: "Stadt und Heritage als neue Nahbeziehung".