Raderberggürtel 40 – das ist die Adresse von Deutschlandfunk Nova. Also ganz klassisch: Straßenname plus Hausnummer. So wie überall? Nein. Hilgermissen ist so ein Beispiel, ein kleiner Ort mit rund 2200 Einwohnern in Niedersachsen. Dort gibt es keine Straßennamen, sondern nur Hausnummern.

Es war ein großer Tag im niedersächsischen Ort Hilgermissen. Am Sonntag (03. Februar 2019) gab es einen Bürgerentscheid. Und der ergab: Knapp 60 Prozent der Einwohnerinnen waren dafür, dass alles so bleibt, wie es ist – und das ist ohne Straßennamen. 

Damit hören die Probleme für Ortsfremde, die sich in die niedersächsische Gemeinde verirren, aber noch nicht auf. Die Hausnummern in Hilgermissen bauen nämlich nicht im klassischen Sinne aufeinander auf. Sie werden also nicht entlang einer Straße in eine Richtung größer. 

In Hilgermissen läuft das so ab: Wenn ein neues Haus gebaut wird, dann erhält es die nächsthöhere Straßennummer, die noch nicht vergeben ist. Ganz egal, wo es errichtet wird. Hausnummer 121 steht neben der 61. Und dann kommen Hausnummer 9 und dann die Nummer 69.  

Erfahrene Postboten finden sich wahrscheinlich irgendwann im niedersächsischen Labyrinth zurecht. Ganz anders sieht das aber bei Polizei und Rettungskräften aus. Und genau das war eines der Argumente der Straßennnamenfans beim Bürgerentscheid.

Where the Streets Have No Name

Wem so viel Anarchie in der ordnungsverliebten Bundesrepublik überrascht – grundsätzlich gilt deutschlandweit das Baugesetzbuch. Und das gibt vor: Eigentümer müssen ihr Grundstück mit der Nummer beschriften, die die Gemeinde festsetzt. Dann sind da noch landesrechtliche Vorschriften. Aber wie die Nummerierung tatsächlich erfolgt, geht letztlich aus der Gemeindesatzung hervor. 

Und in Hilgermissen gilt eben noch die Ordnung, die 250 Jahre alt ist. Damals war es üblich, Häuser in einem Ort einfach durchzunummerieren – also von eins bis zur Anzahl der Häuser, die irgendwann gebaut wurden. Wenn Orte wachsen und immer mehr Häuser und Straßen entstehen, wird das irgendwann unübersichtlich. Die Folge: Gemeinden gehen dazu über, Häuser straßenweise zu nummerieren. 

Pariser Zickzack

In den meisten deutschen Städten gilt seitdem: Das erste Haus an einer Straße trägt die Nummer eins. Dann folgen auf dieser Straßenseite alle ungeraden Hausnummern und auf der anderen Seite die geraden. Dieses Zickzack-Prinzip ist das gängigste Muster, erklärt unsere Reporterin Sabrina Loi. Es wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Paris eingeführt und ist in Deutschland weit verbreitet. Der entscheidende Vorteil dieses Systems: Die Nummerierung kann ganz einfach weitergeführt werden, wenn die Straße verlängert wird. 

Dann gibt es aber auch die Hufeisen-Nummerierung: Dabei gehen die Hausnummern auf der einen Straßenseite fortlaufend hoch – bis das Straßenende erreicht ist. Dann geht es auf der anderen Seite in der Gegenrichtung zurück. So haben zum Beispiel die Berlinerinnen ihre Straßen bis ins Jahr 1929 nummeriert. 

Dann wurde beschlossen, zum Zickzack-Muster zu wechseln. Es wollte aber niemand schon bestehende Straßen neu nummerieren. Die Folge: In der deutschen Hauptstadt muss jede, die eine Adresse sucht, sowohl mit dem Zickzack-Prinzip als auch mit Hufeisen-Prinzip zurechtkommen.

Wer die Sache mit Straße und Hausnummer in einer Stadt durchschaut hat, ist aber noch lange nicht am Ziel. Denn da wären noch die berüchtigten Hausnummerzusätze, wenn sich etwas im Baubestand verändert hat. 7a oder 7b kommen meistens zum Einsatz, wenn ein Grundstück geteilt wird, vielleicht noch ein Hinterhaus gebaut wird und keine Hausnummern mehr frei sind. Meistens wird in solchen Fällen mit Buchstaben gearbeitet. 

Aber nicht immer: Es gibt auch Hausnummern, an die noch eine Zahl hinten ran gestellt wird oder aber auch eine Bruchzahl. Und so kommt es vor, dass sich einige Einwohner deutscher Städte in Häusern mit Nummer wie 7 1/3, 15 ½ oder 22 ¾ wiederfinden. Und wem das noch nicht kompliziert genug ist: Auch Kombinationen aus Hausnummer, Bruchzahl und Buchstabe wurden schon gesichtet.