Statistiken helfen uns, eine Aussage zu untermauern. Dennoch: Oft wird getrickst. Der Statistiker Gerd Bosbach erklärt uns, worauf wir bei Statistiken achten sollten, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen.

Bestes Beispiel: Politik. Im Wahljahr nutzen Politiker gerne Zahlen aus Statistiken, um die Erfolge ihrer Partei zu untermauern. Manchmal verschweigen sie dabei aber auch gerne die ein oder andere Zahl, die ihre Aussage widerlegen könnte. Gerd Bosbach erzählt im Interview mit Deutschlandfunk Nova von einem Politiker, der behauptet hat, dass unter seiner Führung 2000 neue Lehrer eingestellt worden sind. Das stimmte auch. Allerdings sind in derselben Zeit noch mehr Lehrer pensioniert worden, sagt Gerd Bosbach. Das hat der entsprechende Politiker natürlich nicht gesagt - und damit eine Zahl zu seinen Gunsten ausgelegt.

"Ein Beispiel: Ein Ministerpräsident eines großen Landes hat sich gerühmt, dass seine Landesregierung 2000 neue Lehrer eingestellt hat. Als ich dann fragte, wie viele pensioniert worden sind, kam heraus, dass mehr Lehrer pensioniert worden sind, als neu eingestellt."
Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirie

Zahlen in Statistiken stehen nur selten für sich. Stattdessen sollten wir sie immer mit anderen Zahlen in Bezug setzen, sagt Gerd Bosbach. Ein gutes Beispiel sind die aktuellen Flüchtlingszahlen. In absoluten Zahlen nimmt Deutschland europaweit die meisten Flüchtlinge auf. Gemessen an der Gesamtbevölkerung relativiert sich diese Zahl schnell wieder, sagt Gerd Bosbach. 

Absolute Zahlen mit Vorsicht genießen

Er empfiehlt auch, dass wir die Aussage, Deutschland habe eine Million Flüchtlinge aufgenommen, mit Vorsicht genießen sollten. Gerd Bosbach geht eher von 800.000 aus, weil viele Flüchtlinge in andere Länder gezogen sind und manche sogar doppelt erfasst worden sind. Setzen wir diese 800.000 Flüchtlinge noch ins Verhältnis zur Bevölkerungsgröße, liegt Deutschland mit Platz vier im europäischen Vergleich gerade mal im oberen Mittelfeld, sagt Gerd Bosbach. Das bedeutet: Auf hundert Einwohner Deutschlands kommt ein Flüchtling. 

"Das Problem bei Zahlen: Man kann sie verschieden interpretieren"
Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirie

Gerd Bosbach rät darum zu besonderer Vorsicht in Sachen Statistik. Und er erklärt das mit einem einfachen Satz: "Wenn Sie einen Berg fotografieren, können Sie den von verschiedenen Seiten und Winkeln fotografieren. Ähnlich ist das, wenn Sie einen Sachverhalt betrachten. Dann haben Sie auch verschiedene Blickwinkel, aus denen Sie auswählen können. Und dann kommt die Interpretation der Zahl."

Das Aufnehmen, also die Auswahl dieses Bildes, kann schon eine Interpretation sein. Genauso verhalte es sich bei Statistiken. Darum gilt: Erst das Gesamtbild betrachten und dann die Zahlen in einem bestimmten Kontext interpretieren. 

"Wir hatten das früher bei Lohnauseinandersetzungen, da haben die Arbeitgeber in eine Richtung gefärbt und die Gewerkschaft in eine Richtung gefärbt. Und dann wusste man als Nutzer, beide Zahlen sind nicht ganz richtig, irgendwo dazwischen spielt es sich ab."
Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirie