Für die Afghanen ist es ein historischer Moment: Zum ersten Mahl wählen sie den Nachfolger des Präsidenten Hamid Karsai. Aus der ersten Wahlrunde am 5. April 2014 ging der ehemalige Außenminister Abdullah Abdullah als Favorit hervor, doch er verfehlte die absolute Mehrheit. In der Stichwahl tritt er gegen den ehemaligen Finanzminister Aschraf Ghani.

Viele junge Afghanen verbinden mit der Präsidentschaftswahl auch große Hoffnungen auf wirtschaftliche Reformen, die Jobs schaffen, oder Investitionen in das Bildungssystem, um mehr Studienplätze einzurichten. Beide Kandidaten, Abdullah Abdullah und Aschraf Ghani, versprechen die Eindämmung der Korruption, bessere Bildungschancen und die Förderung der Wirtschaft. Denn wenn die internationalen Truppen und damit Organisationen aus Afghanistan abziehen, die für viele Jobs gesorgt haben, wird sich die Lage weiter verschlechtern, befürchtet unsere Korrespondentin Sandra Petersmann.

Erste Euphorie verflogen

Für den 27-jährigen Schriftsteller Taqi Akhlaqi ist aber auch die Sicherheit eines der wichtigsten Wahlthemen. Unsere Korrespondentin Sandra Petersmann begleitet Taqi seit einigen Monaten und erlebte seine Euphorie beim ersten Wahlgang:

"Damals hat er zum aller ersten Mal in seinem Leben gewählt. Und da war er wirklich in einem demokratischen Rausch. Wir haben ihn am Wahltag erlebt. Da ist er ganz strahlend aus dem Wahllokal herausgekommen und war sprachlos vor Rührung und Stolz."
Sandra Petersmann, ARD-Korrespondentin

Diese erste Euphorie ist verflogen, dennoch geht Taqi auf jeden Fall zur Stichwahl, denn er ist überzeugt davon, dass es die einzige Chance der Afghanen ist, ein Zeichen für Stabilität und Sicherheit zu setzen.

Wahlbeteiligung trotz Drohungen der Taliban

Die Taliban haben Anschläge am Wahltag angekündigt und die Afghanen dazu aufgefordert, den Wahllokalen fernzubleiben. Die Afghanen lassen sich von den Drohungen der Taliban nicht beeindrucken, vor den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen. Doch es bleibt nicht bei Drohungen allein: Landesweit werden 150 Anschläge gezählt, fast 50 Menschen werden dabei getötet. Elf Wähler müssen im Krankenhaus behandelt werden, weil Taliban ihnen einen Finger abgeschnitten haben. In Afghanistan wird der Zeigefinger jedes Wählers nach der Stimmabgabe mit blauer Tinte markiert.

Scharfe Kontrollen

Die 400.000 Soldaten und Polizisten, die für einen ruhigen Verlauf der Wahlen sorgen, konnten die Anschläge nicht verhindern. Allein in Kabul-Stadt sind 25.000 Sicherheitskräfte im Einsatz - mehrfach werden Personen und Autos von den Sicherheitskräften kontrolliert.

"Der, der wählen gehen will, muss schon sehr viele Kontrollen über sich ergehen lassen."
Sandra Petersmann, ARD-Korrespondentin

Aber weder die ständigen Kontrollen noch die Drohungen der Taliban halten die Afghanen ab zur Wahl zu gehen. Mit 60 Prozent Wahlbeteiligung stimmen sie für die Demokratie. Taqi verbindet mit der Wahl auch seinen Traum von einem "europäischen Leben" in Afghanistan: sicher und frei auf der Straße bewegen, ein besseres Bildungssystem und die Förderung der Kultur.

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